Groß gefeiert hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) den 75. Tag der Gründung des Deutschen Sportbundes nicht. In kleiner, ausgewählter Runde traf man sich am 10. Dezember 2025 zur Erinnerung am alten Gründungsort im Hodler-Saal des Rathauses von Hannover. Die Pressemeldungen waren knapp, standen doch finanzielle Fragen und das Abhandenkommen der Augenhöhe gegenüber dem Staat in Sachen richtiger und zukünftiger Sportförderung im Fokus des 2006 aus dem DSB und dem NOK vereinigten Dachverbands des deutschen Sports. Wieder einmal ging es um die Spitzensportförderung, weniger um die größte Bürgervereinigung für Sport und Bewegung, die Sicherung des Vereinssports und den Erhalt und Bau von neuen Sportstätten. Schon die Gründung 1950 war von starken Spannungen bis hin zu Grundsatzfragen erschwert worden. Ein Déjà-vue im Hinblick auf Motivation und Empathie als Gastgeber für Olympische und Paralympische Spiele im eigenen Land?
Tiefschürfend und in die Archive des Jubilars blickten Zeitzeugen wie die Professoren Helmut Digel, Michael Krüger und Detlef Kuhlmann sowie die Journalistin Bianka Schreiber-Rietig in den sozialen Medien (siehe Lesetipp). Sie erinnerten an die Gründung des auf den Säulen der Fachverbände und Landessportbünde ruhenden Einheitsverbandes vor 75 Jahren, das Demokratiebedürfnis gegenüber dem Erbe der NS-Vergangenheit und den alles bestimmenden Auseinandersetzungen zwischen Ost und West. Die Namen des DSB-Gründungspräsidenten Willi Daume und seiner ‚politischen‘ Nachfolger Willi Weyer und schließlich Manfred von Richthofen sind mit der Nachkriegsgeschichte untrennbar verbunden. Der frühere Präsident des Landessportbundes Berlin wollte mit der Fusion von DSB und NOK nach der Sporteinheit eine gewichtige und alleinige Stimme des Sports gegenüber der Politik erreichen. Er war mit dem Ergebnis unzufrieden, ging es doch dem neuen DOSB nach den Gründungsfanfaren vornehmlich um die olympischen Ehren, weniger den Freizeit- und Breitensport und der in Massen sich den Sportvereinen anschließenden Bürgerschaft. Das alles vor dem Hintergrund einer galoppierenden kommerziellen und international auch zunehmend autokratischen Sportentwicklung. Sport lebt nun mal, und das ist keine Entschuldigung, von aktuellen Ereignissen und stellt sich leider der kritischen Öffentlichkeit oft als unpolitisch und „geschichtslos“ (Krüger) dar. Eine aktuelle Herausforderung, die weiterhin an den Deutschen Olympischen Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen vor einer möglichen Olympiakandidatur gerichtet ist. Dazu gehört auch der Blick auf 35 Jahre Sporteinheit und den erst 1957 als „ungleichen Bruder“ des DSB (Knecht) gegründeten DTSB der DDR. Hier haben die Chronisten noch etwas Zeit bis zum Fünfundsiebzigsten. Wer hätte bei der Feier in Hannover übrigens gedacht, dass im Neuen Jahr 2026 neben den Themen Zuwendung und Olympia mit einem Male auch Wehrbereitschaft, Demokratie- und Friedenserhalt auf der Agenda des Sports stehen würden?
Letzteres wird ein großes Thema der ebenfalls 75 Jahre alt gewordenen Deutschen Sportjugend bleiben, sie hatte sich acht Monate vor dem DSB gegründet. Ende der sechziger Jahre musste sie sich aus innerdeutscher Konkurrenz vor den Olympischen Spielen von München von der Mit-Zuständigkeit für den Leistungssport und die Nachwuchsförderung verabschieden. Sie nahm als Jugendverband neue Kernaufgaben ins Visier und stand 1969 mit dem Austritt aus dem Bundesjugendring auf eigenen Füßen. Die in den „Erwachsenen-Verbänden“ damals oft belächelten Jugendthemen Mitbestimmung, Soziales und Umweltschutz, Integration, Inklusion und Diversität sind inzwischen zentrale Anliegen der Gesamtorganisation geworden. Die Sportjugend bleibt Trainingsort für Demokratie und Ehrenamt. Als größte Jugendorganisation der Bundesrepublik wird sie ihre Stimme für das neue Wehrgesetz und die Freiwilligendienste in Sportdeutschland kraftvoll erheben müssen.
So bringt ein Rückblick nicht nur den Wunsch auf bisher fehlende Erinnerungskultur, sondern auch einen gutgemeinten Anstoß für neue Taten. Mehr kann man einer lebendigen und die Bürgerinnen und Bürger bewegenden Organisation wie dem DOSB und der DSJ für die Zukunft nicht wünschen. Also fangt an, bleibt am Ball und haltet die Gemeinschaft des Sports zusammen.
Manfred Nippe, LSB-Beauftragter für sporthistorische Angelegenheiten
Bildunterschrift: Männerriege – das DSB-Gründungspräsdium.
Foto-Credit: Archiv
Lesetipp:
