Vor den Berliner Abgeordnetenhauswahlen überrascht es, dass der „Neuköllner Bildersturm“ – so kürzlich an prägnanter Stelle eine Berliner Tageszeitung – weiterhin die Gemüter bewegt. Es geht um die seit 2022 köchelnden Neuköllner Aktivitäten der Grünen und Linken, das Jahn-Denkmal in der Hasenheide abzureißen und die benachbarte Sporthalle umzubenennen.
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In der Diskussion ist es hilfreich, einmal über die lokalen Grenzen hinaus zu schauen. So informiert ein kürzlich erschienener Artikel über das Jahn-Denkmal in St. Louis/USA, ähnlich groß wie das in der Hasenheide. Prof. Dr. Michael Krüger, Präsident der Deutschen Arbeitsgemeinschaft der Sportmuseen (DAGS), macht auf das gut gepflegte Memorial im Forest Park der Großstadt am Missouri aufmerksam – hier geht es zu seinem Artikel. Es wurde 1913 von den American Turners und der Stadtverwaltung auf dem Gelände der früheren Olympischen Spiele von 1904 mit der Widmung „Friedrich Ludwig Jahn – The Father of Systematic Physical Culture“ eingeweiht.
Der Berliner Bildhauer Robert Cauer hatte den Auftrag bekommen, an Jahn mit einem Denkmal zu erinnern. Zur Büste des Turnvaters gehören zwei Statuen, links ein Kugelstoßer und rechts eine Gymnastin mit einem Turnstab. Die Frauenstatue zeigt, dass nach der männerdominierten Zeit Jahns der Frauensport sich langsam durchsetzte und im neuen Jahrhundert den Sport eroberte. Jahn selbst entsprach dem Männerbild des frühen 19. Jahrhunderts. Er hatte den Mädchen zwar in seinen Schriften einen GutMuths zur körperlichen Entwicklung durch Leibesübungen gewünscht und als Abgeordneter des Frankfurter Parlaments 1848 die Gesetze zur Frauenemanzipation durchgewunken, die Turnbewegung aber im Einklang mit Religion und Zeitgeist als männlich eingegrenzt. Einige politische Aktivistinnen nehmen das heute nicht zur Kenntnis und brechen „geschichtslos“ den Stab über ein Jahrhundert.
Das Denkmal in den USA erinnert an die Auswanderungsgeschichte der in den deutschen Ländern verfolgten Freiheitskämpfer und Demokraten, die den Nordamerikanischen (zuerst sozialistischen) Turnverband gründeten und aus deren Clubs die Leibgarde des amerikanischen Präsidenten und die „Turner Rifles“ im Bürgerkrieg gestellt wurden. Am Neuköllner Jahn-Denkmal weist seit 1872 ein Stein aus Saint Louis auf diesen Teil der deutsch-amerikanischen Geschichte hin. Seine Aufschrift: „Der Gott der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte. Dem Andenken Jahns gewidmet von dem Turn-Verein z. St. Louis. Am Tage der Abschaffung der Sclaverei in Missouri am 11. Januar 1865“.
Der Sport hat längst sein Urteil über Jahn in Form von „Dank und Kritik“ gesprochen. Frauen und Mädchen stellen im Deutschen Turner-Bund mit zwei Dritteln der Mitglieder das Gros der Sporttreibenden.
Manfred Nippe
Foto: Forest Park St. Louis/Wikipedia.
