Bewegung hält das Gehirn fit

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Woche der Demenz vom 21. bis 27. September: Dr. Anne Pfitzer-Bilsing, Leiterin Wissenschaft bei der Alzheimer Forschung Initiative e. V. über gesundes Altern durch körperliche Aktivität

Die Woche der Demenz steht in diesem Jahr unter dem Motto „Demenz – (k)eine Frage des Alters“. Also, egal wie alt ich bin, ich kann an Demenz erkranken?

Viele gehen davon aus, dass Demenz nur im Alter auftritt. Das stimmt nicht. Auch jüngere Menschen können an Alzheimer oder einer anderen Form der Demenz erkranken. Wenn die ersten Symptome vor dem 65. Lebensjahr auftauchen, spricht man von Frühdemenz. Es können schon Menschen ab 30 Jahren erkranken. Erste Anzeichen wie Vergesslichkeit, Sprachprobleme oder Veränderungen der Persönlichkeit werden bei jüngeren Menschen oft zunächst nicht als Demenzsymptome erkannt. Bei jüngeren Menschen denken auch Ärztinnen und Ärzte oft nicht an eine dementielle Erkrankung. 

Die Frontotemporale Demenz (FTD) ist eine der frühen Demenzen. Dabei stehen meist Veränderungen des Verhaltens, der Persönlichkeit oder der Sprache im Vordergrund. Das Gedächtnis kann zunächst vergleichsweise gut erhalten bleiben. Der Schauspieler Bruce Willis ist an Frontotemporaler Demenz erkrankt. 

Auch die vererbbare Form der Alzheimer-Krankheit kann schon ab dem 30. Lebensjahr auftreten. Allerdings sind nur etwa ein Prozent aller Alzheimer-Erkrankungen eindeutig erblich bedingt.

Auch Kinder und Jugendliche können an Demenz erkranken. Mittlerweile sind über 250 Krankheiten bekannt, die die kognitiven Fähigkeiten von Heranwachsenden beeinträchtigen. Die meisten Formen von Kinderdemenz sind noch nicht heilbar.

Welche Rolle spielt Bewegung für die Gesundheit unseres Gehirns – und damit auch für das Demenzrisiko?

Körperliche Aktivität ist ein wichtiger Baustein für gesundes Altern – nicht nur für den Rest des Körpers, sondern auch für das Gehirn. Studien zeigen, dass Menschen, die sich regelmäßig bewegen, ein geringeres Risiko haben, an Demenz zu erkranken. Wer sich sein Leben lang immer Bewegung in den Alltag integriert hielt, hat im Alter die besten kognitiven Fähigkeiten.

Was passiert im Gehirn, wenn wir uns bewegen?

Bewegung hält das Gehirn gesund. Auch wenn noch nicht alle Mechanismen vollständig erforscht sind, zeigen zahlreiche Studien, dass körperliche Aktivität eine Reihe positiver Effekte auf das Gehirn hat. Die Durchblutung des Gehirns verbessert sich, wodurch mehr Sauerstoff und Nährstoffe transportiert werden. Die Nervenzellen werden besser versorgt und die Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden gestärkt und neu gebildet. Insgesamt wirkt körperliche Aktivität entzündungshemmend, stimmungsaufhellend und kognitiv anregend. Ähnlich wie beim Schlaf gibt es Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass demenzbedingte Abfallstoffe in den Zellen besser abtransportiert werden, wenn sich die Menschen mehr bewegen.

Wie wichtig ist Bewegung im Vergleich zu anderen Faktoren, die das Demenzrisiko beeinflussen?

Bewegung ist einer von 14 wissenschaftlich belegten Faktoren, mit der man einer Demenz vorbeugen kann. Laut der letzten Lancet-Studie von 2024 können durch Prävention bis zu 45 Prozent aller Demenzerkrankungen verhindert werden. „The Lancet“ ist ein sehr renommiertes medizinischen Fachjournal.

Durch einen gesunden Lebensstil und medizinische Vorsorge können laut der Studie 45 Prozent der Demenzerkrankungen verzögert oder verhindert werden. Neben ausreichender Bewegung gehören zum Beispiel lebenslange Bildung, soziale Kontakte, eine gute Hör- und Sehfähigkeit und ein gesundes Gewicht dazu.

Regelmäßige Bewegung kann außerdem weitere Risikofaktoren für Demenz positiv beeinflussen: Körperliche Aktivitäten senken den Blutdruck, schützen vor Übergewicht und Diabetes und tragen zum allgemeinen Wohlbefinden bei.

Gibt es bestimmte Bewegungsformen, die für die Vorbeugung besonders geeignet sind?

Es gibt keine „beste“ Sportart – wichtig ist, dass sie Spaß macht und regelmäßig ausgeübt wird. Für die Stärkung von Herz und Kreislauf sind Ausdauersportarten wie Gehen, Radfahren oder Schwimmen gut geeignet. Ganzkörpertrainings wie Gymnastik, Yoga oder Pilates fördern die Beweglichkeit und Balance. Tanzen oder Tai-Chi verbessern die Koordination und das Gedächtnis und Krafttraining beugt Muskelabbau und Stürzen vor.

Wer gesundheitliche Bedenken hat, kann sich von einer Sportmedizinerin oder einem Sportmediziner beraten lassen. Viele Praxen bieten sportmedizinische Checks an, die teilweise von der Krankenkasse übernommen werden.

Kann Bewegung den Verlauf der Erkrankung beeinflussen oder vor allem die Lebensqualität verbessern?

Bewegung hält das Gehirn aktiv und kann helfen. Auch für Menschen mit Demenz kann Bewegung helfen, geistige Fähigkeiten länger zu erhalten und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Studien zeigen, dass körperliche Aktivität die Durchblutung des Gehirns verbessert, Nervenzellen schützt und das Gedächtnis stabilisiert.

Besonders wirksam sind Bewegungsformen, die mehrere Sinne und Fähigkeiten ansprechen – zum Beispiel, wenn Menschen mit Demenz sich nicht nur bewegen, sondern dabei auch Musik hören oder gemeinsam mit anderen aktiv sind.

Auch depressive Symptome, die oft als Begleiterscheinung einer Demenz auftreten, können durch Bewegung positiv beeinflusst werden. Wer sich bewegt, fühlt sich sicherer, spürt seinen Körper und bleibt besser in Kontakt mit seiner Umgebung. Besonders in Gruppen kann Aktivität Lebensfreude schenken und das Gefühl stärken, dazuzugehören.

Menschen mit Demenz müssen keine neuen Sportarten erlernen - wer schon immer gerne spazieren oder tanzen gegangen ist, sollte dies auch weiterhin tun. Wenn allerdings das Interesse und die Neugier auf neue Sportarten geweckt wird, sollte dem unbedingt nachgegangen werden.

Welche Bewegungsangebote eignen sich für Menschen mit Demenz besonders gut?

Eine pauschale Empfehlung, welche Sportart für Menschen mit Demenz am besten geeignet ist, gibt es nicht. Jeder und jede bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit, angefangen bei Alter und Grundfitness über die kognitiven Fähigkeiten bis hin zu möglichen Begleiterkrankungen. Auch die Möglichkeiten und Wünsche von Menschen mit Demenz sind sehr unterschiedlich, während die einen ausgeprägten Bewegungsdrang haben, sind andere eher lethargisch.

Bewegung kann ganz unterschiedliche Formen haben – wichtig ist, aktiv zu sein, zum Beispiel mit einer Kombination aus Krafttraining und Ausdauersport, wie Laufen, Walken, Schwimmen oder Radfahren.

Wie können Angehörige Menschen mit Demenz dazu motivieren, sich zu bewegen, ohne dass daraus Druck entsteht?

Ich denke, dass Bewegung Freude machen und an den Fähigkeiten der Person angepasst werden soll. Es soll nicht um Leistung gehen und den Menschen mit Demenz nicht überfordern. Dabei ist es hilfreich, wenn man an den Interessen und Gewohnheiten anknüpfen: Wer früher gern getanzt, gewandert, im Garten gearbeitet oder Fahrrad gefahren ist, sollte dabei unterstützt werden, diese Aktivitäten beizubehalten.

Außerdem macht Bewegung vielen Menschen mehr Spaß, wenn eine vertraute Person mitmacht. Ein gemeinsamer Spaziergang kann attraktiver sein als ein „Trainingsprogramm“. Motivierend können auch Aktivitäten in der Gruppe sein, zum Beispiel Spaziergruppen, gemeinsames Tanzen, Kegeln, Gartenarbeit oder Bewegungsangebote. Bei manchen Erkrankten kann die Bewegungsfreude auch mit vertrauter Musik geweckt werden.

Bewegung kann außerdem auch sehr gut in den Alltag integriert werden: Treppen statt Aufzug, gemeinsam einkaufen, Blumen gießen, Tisch decken, Wäsche zusammenlegen oder im Garten arbeiten – auch solche Aktivitäten zählen.

Welchen speziellen Beitrag können Sportvereine bei der Prävention und beim Umgang mit Demenz leisten?

Sportvereine können durch ihr vielfältiges Angebot einen wichtigen Beitrag zur Hirngesundheit und Demenzprävention leisten. Durch regelmäßige, niedrigschwellige Bewegungsangebote und feste Termine erleichtern sie es vielen Menschen, dauerhaft Sport zu treiben und damit das individuelle Demenzrisiko zu senken. Vereine verbinden Bewegung mit sozialen Kontakten und können damit Isolation entgegenwirken, die ebenfalls als beeinflussbarer Risikofaktor gilt. Vereine können Angebote für unterschiedliche Altersgruppen schaffen und damit Gehirngesundheit über den gesamten Lebensverlauf unterstützen.

Für Menschen mit Demenz kann ein Sportverein mehr bieten als ein reines Bewegungsprogramm. Er schafft einen festen Ort, regelmäßige Kontakte und das Gefühl, weiterhin Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wichtig dabei ist, dass die Angebote niedrigschwellige und angepasste sind: Spaziergänge, Tanzen, Gymnastik, Kegeln, Wassergymnastik oder gemeinsames Radfahren können geeignete Formate.

Die Fragen stellte Angela Baufeld

Bildunterschrift:

Beim 1. VfL FORTUNA Marzahn treffen sich Demenzkranke regelmäßig zum Tischtennisspielen. Das Spiel fordert Körper und Geist und kann das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen. Hier geht es zu einem kurzen Bericht.

Copyright: Jürgen Engler