„Die Vorfreude steigt“

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Para-Eishockeyspieler Leopold Reimann ist der erste Berliner Winter-Paralympics-Starter

Eishockey ist ein Mannschaftssport. Diese banale Aussage lässt sich bestätigen, wenn man an einem klirrekalten Wintertag, an dem man auch draußen Eisflächen fände, zum Wellblechpalast im Sportforum Berlin fährt und dort ein Nachwuchsteam der Eisbären im Training sehen kann. Aber als die Teenager die Halle verlassen, fährt ein einzelner Athlet im Auto zur Übungseinheit vor. Auch Leopold Reimann spielt Eishockey, international sehr erfolgreich, wenn auch erst seit kurzem. Doch kommt der 29-Jährige alleine zur Eiszeit, die hier für sein Einzeltraining für ihn reserviert ist. Als der kräftige junge Mann mit Wollmütze aus dem Wagen steigt und seine Sporttasche schultert, erkannt man an seiner Beinprothese: Reimann ist Paralympionike, der einzige seiner Art in Berlin – der erste Berliner Winter-Paralympics-Starter. Und das mit einem Team, das erstmals seit 20 Jahren qualifiziert ist, aber sonst weit verstreut spielt. Also trainiert Reimann hier alleine. „Das dient mir als Olympia-Vorbereitung“, sagt er, klaglos und dankbar, dass der Olympiastützpunkt zwei Eiszeiten pro Woche im Wellblechpalast organisiert hat. Er schätzt auch, nur für sich Dinge einmal auszuprobieren, wie neues Zubehör für seinen Schlitten. „Ich bin froh, dass hier mein Ding machen kann“, sagt der linke Flügelspieler und betritt die Halle. Wenn einmal ein Nationalmannschaftskamerad in der Nähe ist, kommt er manchmal mit aufs Eis. Aber größtenteils trainiert Reimann alleine, in enger Abstimmung mit Nationalmannschaftstrainern. „Ich habe ein kleines Büchlein mit Übungen, davon arbeite ich in der Stunde hier ein bisschen ab.“

Es sei noch in der Schwebe, ob er hier einen eigenen Trainer bekomme, erzählt er in der Umkleide. Doch auch ganz alleine kommt Paralympics-Fieber auf. „Die Vorfreude steigt auf jeden Fall extrem. Mit jedem Training fühle ich mich näher dran.“ Es helfe, eine Mannschaft hinter sich zu wissen und international zu spielen. Und dass er der erste Winter-Paralympics-Teilnehmer aus Berlin sein wird.

„Im Sommer gibt es viele, aber im Wintersport bin ich der Allererste, das ist natürlich cool“, sagt er. Obwohl auch er nicht wusste, dass es keinen vor ihm gab, sei es „eine große Ehre, ich versuche, die Stadt Berlin angemessen zu vertreten“. Auch wenn es geografisch bessere Orte für Wintersport gibt. Die meisten der 20 Nominierten sind eher aus dem Süden, der Sport ist zudem nicht weit verbreitet. Dabei war Reimann bis vor kurzem noch Ruderer, hätte es auch dort fast zu Paralympics geschafft.
Er war bei EM, WM, Weltcups, 2016 Ersatzmann in Rio, verpasste die Qualifikation für 2020 um Millisekunden. „Mir fehlte die Perspektive, ich nahm 2024 eine Auszeit, doch mir fehlte der Drill.“ Dann lud ihn ein Social-Media-Manager der Para-Eishockey-Nationalmannschaft zur Sichtung ein.

Die Umstellung lief überraschend gut, die beanspruchten Muskelgruppen sind ähnlich zum Rudern. Schon im April 2024 war er bei der B-WM dabei, stieg mit dem Team zur A-WM auf, erkämpfte im Mai 2025 in Buffalo durch einen fünften Platz die Paralympics-Qualifikation. „Das ging ziemlich schnell“, sagt Reimann und lacht, lässig an der Wand lehnend, auf seinem Prothesenbein stehend. Normal ist so ein Wechsel nicht, meist bleibt man bei seiner Sportart, wenn man sie gefunden hat.

Denn trotz Gemeinsamkeiten bei Muskelgruppen gibt es auch große Unterschiede zum Rudern. „Eishockey ist Mannschaftssport. Ich musste mich da erst reinfuchsen, obwohl ich Teamplayer bin.“ Es gelang dem gebürtigen Strausberger, der im Berliner Speckgürtel mit Sport aufgewachsen ist.

Sein seit Geburt verkürztes Bein war dabei nie ein Hindernis. „Ich war schon immer sehr aktiv und wurde unruhig, wenn ich nicht ausgelastet war. Meine Eltern haben mich früh zum Sport gebracht.“  Vom Schulsport kam er über Fußball, Basketball, Tischtennis und Vereinssport 2014 zum Rudern.  „Ich habe 2014 im September angefangen und war im Januar 2015 schon auf meiner ersten EM.“

Im Parasport kann es schnell gehen, wenn man Talent hat und Konkurrenz nach Disziplinen variiert. „International ist Para-Eishockey sehr kompetitiv, national gibt es grob geschätzt 50 aktive Spieler.“ Zu der teuren Ausrüstung kommt, dass alle Arbeitnehmer sind und nicht vom Sport leben können. Reimann arbeitet als Projektleiter bei Siemens Energy, aber trainiert bis zu 25 Stunden pro Woche. Morgens, mittags, abends, am Wochenende, er nutzt fast jede frei Minute für seinen Herzenssport. „Wenn wir Auswärtsspiele haben, fahre ich freitags nachmittags los, irgendwohin nach Tschechien.“

In der dortigen Liga spielt Reimann regelmäßig, wie viele deutsche Nationalspieler, denn heimische Vereine wie der Para-Eishockey Club Berlin betreiben eher Breitensport. Kaum ein Profiklub der Deutschen Eishockey-Liga DEL hat eine Parasparte. So reist Reimann oft, nach Ostrava oder Prag.

Es sei schon ein Running Gag, dass, wenn seine Mutter anrufe, er im Auto sitze oder in der Eishalle. „Viele können es nicht nachvollziehen, vor allem, wenn sie nicht aus dem Leistungssport kommen.“ Trotz Klassenfahrt-Feelings fährt er auch schon mal müde hin, um Mitspieler nicht hängenzulassen, riskiert Verletzungen, wenn die Schlitten kollidieren. „In Buffalo hatte ich zwei gebrochene Finger.“

Dennoch ist Reimann topmotiviert für die Paralympics, auch wenn andere Nationen favorisiert sind. „Ich bin Wettkampftyp, will natürlich Gold, aber realistisch wäre für uns der fünfte Platz“, sagt er. Wichtiger ist, dass Para-Eishockey nach zwanzig Jahren wieder die Bühne hat, für die Sichtbarkeit. „Viele Leute kennen den Sport gar nicht, dabei ist er super attraktiv: schnell, körperlich, viele Tore.“

Genau das zeigt Reimann, als er, umgezogen, im Schlitten, in einem Affentempo über das Eis rast. Pausenlos jagt er Pucks ins Tor oder an die Bande, spielt sofort weiter, mit Tricks, Tempo, Technik. Zwei Kinder am Rand staunen, wie er vor leeren Rängen derart aufspielt, ein einsamer Getriebener. Dabei hatten seine Eltern gefragt, ob er wirklich auch heute aufs Eis müsse: Es ist sein Geburtstag.

Text: Dominik Bardow

Foto: City Press