Drei Kinder, drei Vereine

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Wie eine Familie nach dem Umzug in Berlin ihre neue sportliche Heimat findet

Als Familie Haaf vor einem Jahr von München nach Berlin zog, stand für die Eltern eines fest: Die drei Kinder sollten möglichst schnell wieder Anschluss finden – und dazu gehörte auch der Sport. „Der Erfolg des Familienprojekts Umzug hing auf jeden Fall auch am Sportverein“, so drückt es Meredith Haaf aus. „Vor allem bei unserem Sohn, er ist 15, war klar:  Er wird in Berlin nur glücklich, wenn er wieder einen Verein findet, wo er Torhüter sein kann,“, berichtet sie. „Aber das war fast anstrengender als die passende Schule zu finden.“ Ihr Mann recherchierte im Internet: Welche Vereine gibt es? Wie präsentieren sie sich? Wie ist der Anfahrtsweg? Wird in einer vergleichbaren Liga gespielt? Jede Menge E-Mails und Telefonate, Wartelisten, Absagen und Probetrainings bestimmten lange den Alltag der Eltern. Als dann vor dem Umzug klar war, dass der Sohn beim SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 anfangen kann, war die Erleichterung groß. „Es fühlte sich fast so gut an wie die Zusage für eine Wohnung“, sagt die Mutter. „Der Verein wollte ihn unbedingt haben. Zwei Trainer sind selbst Torhüter. Sie haben sein Talent erkannt.“

Bei der elfjährigen Tochter klappte es nicht. Sie wollte in einen Turnverein. Die Eltern fanden viele Adressen im Internet, schrieben E-Mails, hatten dann Verbindung zu einem Verein, der aber am Ende keine neuen Kinder aufgenommen hat. Erst nach dem Umzug fanden sie Kontakt zum Berliner TSC. Die Tochter konnte am Probetraining teilnehmen. Es gefiel ihr, sie konnte bleiben und trainiert jetzt zweimal in der Woche. „Nette Gruppe. Genau das Passende. Sie übt sogar zu Hause“, berichtet die Mutter.

Ihre jüngere Tochter hatte sie bei den Fahrten immer „im Schlepptau“, wie sie sagt. „Sie turnte mit und bewegte sich, wie ein Fisch im Wasser. Sie hat Verschiedenes ausprobiert, auch Ballett. Alles nicht das Richtige.“ Meredith Haaf war bei ihren endlosen Recherchen im Internet auf die Turntalentschule der Berliner Turnerschaft am Vorarlberger Damm gestoßen. Dort ließ sich ihre Tochter „furchtlos auf das harte Training“ ein – zweimal in der Woche.

Jetzt haben alle drei Kinder ihren Platz gefunden – in drei unterschiedlichen Vereinen in unterschiedlichen Himmelsrichtungen von ihrer Kreuzberger Wohnung aus. Für die voll berufstätigen Eltern bedeutet das Organisation auf höchstem Niveau – ein Wochenplan, der minutiös abgestimmt wird. Die Mutter erzählt davon mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Was dahinter steckt, erahnt nur, wer selbst Kinder hat. „Unser Sohn hatte auch in München einen weiten Weg zum Verein. Aber hier ist der Weg nochmal eine Nummer härter. Schule in Prenzlauer Berg, mit der U8 zum Verein. Dreimal in der Woche Training. Inzwischen hat er zusätzlich als Torwart-Trainer die D-Jugend übernommen.“ Bei den Heimspielen sind die Eltern oft dabei. Auch mal bei den Auswärtsspielen.  Aber bei zwei jüngeren Geschwistern ist das zeitlich schwierig.

Auch die elfjährige Tochter fährt inzwischen öfter allein zum Training bis nach Weißensee – mit Bus und Straßenbahn über den Alexanderplatz. „Wir haben sie am Anfang immer begleitet, damit sie den Weg verinnerlicht“, erzählt die Mutter. „Als sie zum ersten Mal allein gefahren ist, rief sie mich alle fünf Minuten an: Der Bus ist noch nicht da, hab mich verlaufen. Aber sie hat es geschafft, ist angekommen.“ Die Mutter legt ihr immer noch einen Zettel hin – zur Erinnerung, wann sie losgehen muss, „obwohl das eigentlich nicht nötig ist“, wie Meredith Haaf sagt. Die Selbstständigkeit ihrer Großen ist wichtig. Denn wenn ihr Mann auf Dienstreise ist, kann sie nicht beide Mädchen zugleich zum Training begleiten. Dann bringt sie die Fünfjährige zum Vorarlberger Damm nach Schöneberg und die Elfjährige fährt allein nach Weißensee oder bleibt zu Hause. Zum Glück kam das bisher nicht oft vor.

Wenn es geht, integrieren die Eltern ihre Arbeit als Journalisten in den Trainingsalltag ihrer Kinder. Dann arbeiten sie mit dem Laptop auf dem Schoß, führen Interviews und schreiben Artikel am Spielfeldrand, neben oder vor der Sporthalle. Sie schaffen es sogar, selbst Sport zu treiben. Meredith Haaf macht Pilates. Ihr Mann hat sich in einem Fußballverein angemeldet.

Die Eltern wollen, dass ihre Kinder Sport im Verein machen. „Für unseren Sohn ist es wichtig, neben der Schule noch etwas anderes zu machen“, weiß seine Mutter. „In Berlin gibt es viele Möglichkeiten, Sport zu treiben, aber im Verein ist Sport am besten. Die Kinder kommen mit vielen verschiedenen Menchen zusammen, haben Trainer, die sich engagieren und Vorbilder sind, lernen viele verschiedene Charaktere kennen und haben Entwicklungsmöglichkeiten abseits der Schule.“ Die Ex-Münchnerin hat festgestellt: In Berlin ist die Sportlandschaft diverser und das Angebot an Sportarten größer. „Es geht hier etwas rauer zu, aber das kann mein subjektiver Eindruck sein.“

Ehrgeizige sportlichen Ziele für ihre Kinder haben sie nicht. „Die Jüngste ist grad auf einem Pfad, der geht in Richtung Leistungssport“, berichtet die Mutter. „Ich habe damit kein Problem. Aber ich brauche das auch nicht. Sport soll den Kindern Spaß machen.“ Ihre elfjährige Tochter hat zu ihr gesagt: „Ich bin in Berlin angekommen.“ Das wird jeden Aufwand der Eltern mehr als wettmachen.

Angela Baufeld

Foto-Credit: Jürgen Engler