„Drei Stunden Sport – das ist ein Muss“

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Christiane Schnitzer gehört zu den mehr als 60 Teilnehmenden an der 21. LSB-Fachtagung Schulsport, die sich an Lehrkräfte richtet, die Sport unterrichten. Sie hat Sport und Biologie an der Freien Universität in Berlin studiert, ist Fachbereichsleiterin für Bewegung und Gesundheitsförderung an der Ruth Cohn Schule – Oberstufenzentrum Sozialwesen in Berlin und seit 35 Jahren im Schuldienst.

Sie sind zum zehnten Mal bei der Tagung. Warum kommen Sie immer wieder?

Bei den Tagungen sprechen oft Sportwissenschaftler aus ganz Deutschland über unterrichtsrelevante Themen. Diese Impulsreferate sind meist sehr interessant und ein guter Einstieg in die Fachtagung. Die Praxisworkshops regen immer wieder dazu an, den Unterricht anders oder neu zu gestalten.

Was nehmen Sie aus den Tagungen mit?

Es ist nicht immer alles neu. Aber der theoretische Input bringt einen auf den neuesten Stand und es kommen bestimmte Inhalte in Erinnerung, die durch Routine in Vergessenheit geraten sind. Die Mischung gefällt mir: Theorie und Praxis, Auffrischung und Erweiterung des Wissens. 

Was fanden Sie diesmal besonders interessant?

Dass Sport einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit hat, Sozialkompetenz und Selbstvertrauen stärkt, ist mir schon bewusst – ich habe ja auch Biologie studiert. Aber der Vortrag hat das heute wieder bestätigt.

Interessant ist auch das Thema „Einsatz digitaler Medien im Sportunterricht“. Wichtig ist eine überlegte, gesunde Mischung: digitale Medien geschickt einbauen, um zu motivieren. Ich sehe diese Chance vor allem bei älteren Schülern.

Sie haben an dem Praxisworkshop „Ballspiele“ teilgenommen. Haben Sie etwas erlebt, was Sie spontan im Unterricht umsetzen?

Ja. Es wurden Variationen von Ballspielen vorgestellt – und Möglichkeiten, wie Spiele vorbereitet werden können. Das werde ich nächste Woche mal ausprobieren.

Sie sind schon lange im Schuldienst. Beobachten Sie Veränderungen im Bewegungsverhalten der Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren?

Ja, Bewegungsmangel und fehlende Bewegungserfahrungen haben extrem zugenommen. Die Schüler spielen nachmittags mehr mit ihrem Handy, anstatt sich zu bewegen.  

Und das zeigt sich im Sportunterricht?

Ja, bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten sind nicht mehr altersgemäß entwickelt, wie zum Beispiel rückwärtslaufen - die Orientierung im Raum. Dadurch kommt es auch häufiger zu Unfällen. Die Koordinations- und Reaktionsfähigkeiten sind nicht ausreichend ausgeprägt, um sich harmonisch zu bewegen. Es fehlen die Bewegungserfahrungen – auch der Umgang miteinander.

Wie wichtig ist der Sportunterricht?

Extrem wichtig. Drei Stunden Sport – das ist ein Muss. Das bedeutet aber auch, dass die Schulen entsprechend gut ausgestattet sein müssen, dass Sporthallen vorhanden sind und Schwimmhallen genutzt werden können. Es gibt immer noch ältere Schüler, die nicht schwimmen können.

Wie ist die Sportstättensituation an Ihrer Schule?

Unsere Sporthalle wird zurzeit grundsaniert und ist gesperrt. Einen Sportplatz haben wir nicht. Eine nahegelegene Schule gibt uns Hallenzeiten, aber das deckt bei Weitem nicht den Bedarf. Wenn es jetzt wärmer wird, können wir uns draußen bewegen. Aber wir nutzen auch größere Räume in unserem Schulgebäude für Bewegungsangebote.

Was macht für Sie eine gute Sportstunde aus?

Wenn sich die Kinder in der zur Verfügung stehenden Zeit so viel wie möglich bewegen können. Wenn sie freudvoll dabei sind, partizipieren können und kooperativ miteinander umgehen. Wenn ihre Bedarfe und Interessen aufgegriffen werden – und das muss nicht immer sportartenorientiert sein. Wenn es weniger Wettkampf und mehr vielfältige Bewegungsmöglichkeiten gibt.

Hat der Schulsport aus Ihrer Sicht den Stellenwert in der Gesellschaft, den er verdient?

Es hieß schon an der Uni oft: Sportlehrer haben ein leichtes Leben. Sie werfen einfach einen Ball in die Halle, müssen keine Arbeiten korrigieren. Dieses Denken gibt es heute immer noch.

Bei Lehrermangel wird eher die Sportstunde gestrichen als Deutsch, Mathe oder Englisch.

Gibt es an Ihrer Schule Konzepte für mehr Bewegung außerhalb des Sportunterrichts?

Lehrkräfte haben Möglichkeiten für eine Bewegte Pause initiiert und Materialien, wie kleine Sportgeräte, organisiert und bereitgestellt, die in der warmen Jahreszeit draußen genutzt werden können. Auch mal eine Musikbox zum Tanzen.

Die älteren Schüler nutzen allerdings die große Pause lieber, um im Supermarkt etwas zum Essen zu kaufen.

Was wünschen Sie sich für den Schulsport in der Zukunft?

Dass der Schulsport immer mehr wegkommt von dem Sportarten-Denken und den Kindern viel Raum und Zeit für Bewegung geboten wird. Dass Schwerpunkt-Themen wie Gesundheit und Kooperation immer mehr gefördert werden.

Interview: Angela Baufeld