Ehrenamtliche finden und langfristig halten – das ist für viele Vereine eine Herausforderung. Wichtig dabei sind Anerkennung und Wertschätzung. Das zeigen Erfahrungen und Studien. Aber die Praxis sieht anders aus – vor allem in Vereinen, die ehrenamtlich geführt werden. Der Vorstand ist mit der Alltagsarbeit ausgelastet. Keine Zeit, angemessen Danke zu sagen. Was tun? Mit dieser Frage beschäftigt sich auch der Landessportbund regelmäßig. Kürzlich wieder bei einer Veranstaltung im Rahmen der „Vereinsdialoge“, die der LSB ins Leben gerufen hat. Das Konzept: In kleiner Runde Probleme auf den Tisch packen und Lösungen erörtern – offen, ehrlich, tiefgründig, vertrauensvoll. Mit dabei waren diesmal Claudia Zinke, LSB-Vizepräsidentin für Sportentwicklung, Direktor Friedhard Teuffel und Bereichsleiterin Anke Nöcker. Das Ziel: mit Vereinen direkt ins Gespräch kommen und konkret erfahren, wo der Schuh drückt.
„Die Vorweihnachtszeit ist ein guter Anlass zu überlegen, wie Wertschätzung an Ehrenamtliche weitergegeben werden kann“, begrüßt Elke Duda, Leiterin des LSB-Kompetenzzentrums, die Anwesenden. Lutz Roscher, Schatzmeister bei der ehrenamtlich geführten Ruder-Gemeinschaft Grünau, nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wenn jemand lange im Vorstand war, kriegt er einen Blumenstrauß.“ Er selbst ist seit rund 20 Jahren im Vorstand, andere Mitglieder noch länger. Es gibt aber auch jüngere Vorstandsmitglieder, die erst wenige Jahre im Amt sind. Im Verein ist der Altersdurchschnitt 50 Jahre. Es gibt keine Jugendlichen, „unter anderem weil es keine Trainer beziehungsweise Betreuer gibt“, berichtet er. „Wir müssen einiges ändern, uns um Nachfolger kümmern.“ Deshalb nimmt er nach Feierabend den Weg zum LSB ins Manfred von Richthofen-Haus auf sich.
Auch der Berliner Turner-Verein von 1850 wird komplett ehrenamtlich geleitet.Anne Schmidt ist 2. Vorsitzende. Sie kommt direkt von der Arbeit und trotz U-Bahn-Ausfall zum LSB. „Wertschätzung könnte bei uns noch stärker gelebt werden“, sagt sie ganz freimütig. „Oft gibt es nur ein einfaches Dankeschön. Auch mal einen Gutschein. Den übergeben wir dann aber nicht nebenbei, sondern auf kleiner Bühne – um Stolzgefühl zu vermitteln und andere zu motivieren. Meist passiert die Wertschätzung eher zufällig, weil einem auffällt, dass jemand schon lange aktiv ist. Das könnte man besser machen.“
Karlos El-Khatib vom LSB-Kompetenzzentrum weiß, wie die Situation in vielen Vereinen ist und was die Krux ist: Ehrenamtliche haben zum Teil selbst so viel zu tun, dass die Würdigung des Ehrenamts aus Zeitgründen auf der Strecke bleibt. Dennoch macht er auf den Wertschätzungskatalog aufmerksam, der auf der LSB-Homepage steht. Darin werden Ideen und Anregungen formuliert. Denn neben Blumenstrauß, Gutschein, Dankesessen gibt es viele andere Möglichkeiten. Oft sind es nicht materielle Dinge, die Menschen reizen, ein Amt oder ein Projekt zu übernehmen. Es können auch die damit verbundenen Möglichkeiten sein, mitzureden, mitzugestalten, sein Wissen zu erweitern, sich persönlich weiterzuentwickeln – durch Aus- und Weiterbildung, Mentorensysteme, Netzwerkveranstaltungen. „Selbstwirksamkeit ist gerade für junge Menschen wichtig – wenn sie spüren: Meine Stimme wird gehört“, so Karlos El-Khatib. Lutz Roscher ist überzeugt: „Wer als Jugendlicher das Engagement im Verein erlebt, spürt auch die Verpflichtung, dem Verein etwas zurückzugeben.“
Warum wird Anerkennungskultur überhaupt thematisiert? „Weil die Menschen es verdient haben und damit Vereinsmitglieder und andere Menschen wissen, was dahintersteckt. Sonst kommt der Dienstleistungsgedanke auf“, sagt Karlos El-Khatib. Das sieht auch Claudia Zinke so: „Wir müssen sagen, was im Ehrenamt gemacht wird. Viele Menschen nehmen es als selbstverständlich hin, weil sie es nicht besser wissen.“
Deshalb bietet der LSB viele Möglichkeiten der Anerkennung. Vereine können ihre Ehrenamtlichen u. a. vorschlagen als Ehrenamtliche des Jahres, für Ehrenplaketten und Ehrennadeln, die bei der großen Ehrenamtsgala im Beisein des Regierenden Bürgermeisters im Roten Rathaus verliehen werden. Bei der letzten Ehrenamtsgala im September waren übrigens auch Vertreter der Ruder-Gemeinschaft Grünau unter den Geehrten.
Um zurückzukommen auf die Vorweihnachtszeit und das konkrete Thema des Abends „Präsente, Feiern und Co. Was ist erlaubt, worauf muss der Verein achten?“ erläutert Monika Heukäufer rechtliche Grundlagen. Ob Gutschein, Essen, Präsente – maximal 60 Euro pro Person und Jahr kann der Verein für vereinsbezogene Anlässe ausgeben. Das Geld darf nicht in bar übergeben werden – nur als Gutschein oder Sachleistung, die eingekauft wurde. Für personenbezogene Anlässe wie Hochzeit, Geburt, runde Geburtstage oder ein rundes Jubiläum bei der Vereinsmitgliedschaft können noch einmal 60 € je Anlass dazukommen, allerdings nur bis zur Höhe des Jahresbeitrages, sonst ist die Gemeinnützigkeit des Vereins in Gefahr. „Das Geld muss ein Verein erstmal haben. Bei unseren Vereinsbeiträgen ist das nicht drin“, stellt Lutz Roscher von der RG Grünau fest. Am Ende wiederholt er, was er schon zu Beginn sagte „Wir müssen einiges ändern.“
Mit zwei Veranstaltungshinweisen endet dieser Vereinsdialog:
• „Ehrenamt mittendrin“ – Engagement im Berliner Sport“ am Freitag, dem 12. Dezember 2025. Wie gewinnen wir neue Engagierte für unseren Verein? Was brauchen Ehrenamtliche, um langfristig dabeizubleiben? Und welche Unterstützung bietet der LSB Berlin dabei?
Der LSB lädt ein zu einem Nachmittag voller Inspiration, Austausch und praxisnaher Impulse, mit Beispielen aus Berliner Vereinen und Informationen zu aktuellen Förder- und Unterstützungsangeboten des LSB Berlin. Hier geht es zur Anmeldung.
• Am 23. Mai 2026 wird ganz Deutschland zur Bühne des Mitmachens. An diesem Tag des Grundgesetzes sind alle aufgerufen, sich für die gemeinsame Sache einzubringen – weil es Spaß macht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist Initiator und Schirmherr der Aktion „Ein Ehrentag. Für dich. Für uns. Für alle.“ www.ehrentag.de
Foto: Karlos El-Khatib (re.) beim LSB-Tag für Vereine am 13. Juni 2024
