Ein Theaterstück, das unter die Oberfläche schaut

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„Needs – Kritik der Bedürfnisse“ am 12. September im Tempodrom – eine Kooperation mit dem Bezirkssportbund Friedrichshain-Kreuzberg

„Needs – Kritik der Bedürfnisse“ – der Bezirkssportbund Friedrichshain-Kreuzberg lädt im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe „Friedrichshain-Kreuzberg – Sportlich für die Zukunft“ am 12. September zu einem besonderen Theaterabend in die Kleine Arena des Tempodroms ein. Produzent und Schauspieler Martin Bretschneider (auf dem Foto links – er spielte u. a. Fußball-Nationalspieler Hans Schäfer in „Das Wunder von Bern“) spricht im Interview über das Stück, Gemeinsamkeiten von Sport und Kultur sowie die Kooperation mit dem Bezirkssportbund.

Herr Bretschneider, wie würden Sie das Theaterstück „Needs – Kritik der Bedürfnisse“ kurz beschreiben?

Vereinsverantwortliche bereiten die Jubiläumsfeier eines Fußballvereins vor und geraten dabei in Streit über Bedürfnisse, Ziele und Wünsche der Mitglieder. Es geht um diese Bedürfnisse und Wünsche im Hinblick auf ihre soziale und ökologische Nachhaltigkeit. 

Um welche Bedürfnisse geht es konkret?

Das Stück wirft einen kritischen Blick auf die Produktion und den Massenkonsum von Waren im Industriekapitalismus. Es setzt sich mit einer These des Philosophen Herbert Marcuse auseinander, wonach die Konsumption von Waren eine Entschädigung für einen entfremdeten Arbeitsprozess ist: Wir halten den Arbeitsprozess nur aus, weil wir uns abends auf das Sofa vor den Fernseher legen können, sagt Marcuse in seinem Buch „Der eindimensionale Mensch“. In einer Welt, in der menschenwürdige Arbeitsverhältnisse herrschen würden, wäre der massenhafte Konsum nicht nötig.

Wie geht das Stück mit der These von vor 60 Jahren um?

Wir haben in unserer Recherche gemeinsam mit dem Autor und Journalisten Thomas Ebermann versucht, die Bedürfniskritik von Marcuse, Adorno und Marx auf unsere heutigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu übertragen. Thomas ist mit einem Vortrag zu dem Thema lange durch Deutschland getourt, wir haben insbesondere die Bezüge zum Sport in den Blick genommen. Das Stück ist tatsächlich in einem Fußballverein entstanden. Meine beiden Teammitglieder Felix Linnemann und Adthe Ramadani sind Trainer beim SJC Hövelriege, einem Fußballverein in Nordrhein-Westfalen. Ich war dort auch lange Jugendtrainer, Jugendbetreuer und Spieler.

Welche Fragen werden gestellt?

Was können Sportvereine der Klimakrise entgegensetzen? Wie können wir unseren individuellen Konsum modifizieren? Wie sinnvoll ist das? Auch das Bedürfnis nach Erfolg wird thematisiert. Wir haben einen spezifischen Blick auf den Fußball, aber es geht natürlich um den Sport allgemein: ob der Erfolg, der sich meistens am Erfolg des ersten Männerteams eines Vereins misst, im Widerspruch steht zur Gemeinnützigkeit oder zur sozialen Nachhaltigkeit.

Wie ist das genau gemeint?

Wir stellen oft fest: Im Amateurfußball führt die Fokussierung auf den Erfolg des ersten Männerteams dazu, dass Jugendteams, Frauenfußball oder z.B. Menschen, die nicht heteronormativ leben können oder wollen, nicht sichtbar sind. Dadurch leidet die Teilhabe dieser Menschen.

Sie spielen in dem Stück nicht nur mit, Sie haben es produziert und gemeinsam mit Felix Linnemann geschrieben. Was reizt sie an diesem Thema ganz besonders?

Die Frage der Vereinbarkeit vom Wunsch nach sportlichem Erfolg und der Teilhabe und Sichtbarkeit aller. Wenn jemand sagt, der FC Bayern ist ein erfolgreicher Bundesligaverein, dann ist die erste Herrenmannschaft gemeint – nicht das Frauenteam. In der Kreisliga ist es ähnlich. Wir machen sehr viel Jugend- und Sozialarbeit, versuchen über den Sport hinaus Teilhabe und Gleichberechtigung zu leben und kommen immer wieder an den Punkt, dass wir feststellen: Frauenteams müssen sich nach den Spielzeiten der Männer richten und oft auf Nebenplätzen spielen. Das ist nicht fair. Frauen leisten im Sport unglaublich viel, ohne ihre Arbeit wäre kein Fußballspiel möglich, trotzdem sind sie weniger sichtbar. Ein Thema, das für den gesamten Sport relevant ist. 

Ein Bezirkssportbund wird nicht sofort mit Theater verbunden. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Der Bezirkssportbund beschäftigt sich derzeit mit Sport, Kultur und Nachhaltigkeit und hat im Netz unser Stück entdeckt, in dem die Kombination von Fußball, Nachhaltigkeit und Theater angelegt ist. Er hat uns kontaktiert und zum Gastspiel eingeladen.

Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie zwischen Theater und Sport, Kultur und Sport?

Ich sehe Parallelen, positive und negative Erscheinungen. Zum einen die Chance, alle Menschen, vor allem auch Kinder und Jugendliche, mitzunehmen und teilhaben zu lassen – unabhängig von Privilegien. Mit unseren theaterpädagogischen Projekten sprechen wir alle an und haben dabei auch diejenigen im Blick, die durch Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Behinderung nicht so privilegiert sind wie andere. Zum anderen das Leistungsprinzip, die Notwendigkeit, im Wettbewerb Erfolg zu haben. In der Kultur ist es schwer, sich eine Existenzgrundlage zu schaffen. Eine Handvoll Stars kann gut leben – auf der Basis einer breiten Masse von prekär lebenden Kulturschaffenden. Ähnlich ist es auch im Fußball und im Breitensport. Es gibt professionellen Fußball, professionellen Sport – und es gibt den großen Amateursport als Basis, der strukturelle Schwierigkeiten hat. Zu wenig Sportstätten, zu wenig Trainer*innen und Betreuer*innen.

Inwiefern ist es gerade deshalb so wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen?

Man kann voneinander profitieren. Ich finde es herausragend und bin dem Bezirkssportbund Friedrichshain-Kreuzberg dankbar, dass er so viel Energie in ein Theaterprojekt steckt. Ich glaube fest daran, dass der Kulturbereich vom Sport lernen kann, von der Teilhabe, die es im Sport gibt. Auf der anderen Seite kann sich der Sportbetrieb im Theater auf eine ganz besondere Art selbst wahrnehmen, im Sinne von: Da hat jemand meine Bedürfnisse und Sorgen ernst genommen und meine Lebensrealität künstlerisch umgesetzt. Ich fühle mich verstanden und gesehen. Der Theaterabend schafft ein gemeinsames Erlebnis, etwas Verbindendes, etwas Solidarisches.

Spielen dadurch Kultur und Sport für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine ganz besondere Rolle?

Absolut. Im Sport und in der Kultur gibt es zwei wichtige Faktoren, die Körperbeherrschung und das Zusammenspiel. Im Theater trainiere ich meine Stimme, meinen Körper, meine Emotionalität, im Sport trainiere ich den Umgang mit dem Ball, meine Schnelligkeit oder Sprungkraft. Und sowohl in der Kultur als auch im Sport gibt es den Teamfaktor. Ich lerne das Zuhören und Eingehen auf die Mitspieler*innen. Die Kombination aus körperlichen Fähigkeiten und Zusammenspiel ist faszinierend:  Eine wunderbare Verbindung, eine Chance für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Welche Diskussion möchten Sie mit dem Stück beim Publikum auslösen?

Zunächst wollen wir das Publikum an diesem Abend gut unterhalten. Alle, die kommen, sollen Freude haben und lachen können. Im zweiten Schritt freue ich mich, wenn Gedanken angeregt werden.

Kann Theater gesellschaftliche Debatten beeinflussen oder sogar verändern?

Ich glaube, kulturelle Bildung ist wichtig. Aber das erste Ziel ist, die anderthalb Stunden des Theaterabends zu einem gelungenen Moment zu machen. Diese Zeit können wir konkret gestalten. Was danach in die Gesellschaft ausstrahlt – die Wirkung sollte man nicht überschätzen. Nach der Vorstellung sind alle wieder in den Zwängen in ihrer Lebens- und Arbeitswelt und denken kaum daran, ihr Leben komplett umzugestalten. Das kann Theater nicht schaffen. Aber Gedanken in eine Debatte bringen, diese Chance gibt es.

Für wen ist das Stück besonders interessant?

Wir hoffen, dass Menschen ab zwölf Jahren, die sich für Sport interessieren, Freude daran haben. Wir verbinden gute Unterhaltung mit spannenden Gedanken und hoffen, dass das Publikum ein besonderes Erlebnis mit nach Hause nimmt und von dem Stück noch eine Weile begleitet wird.

Das Interview führte Angela Baufeld.

Philip Hackmann, stellv. Vorsitzender (kommissarisch) des Bezirkssportbunds Friedrichshain-Kreuzberg:

„Mit der Theater-Kooperation möchte unser Bezirkssportbund über den Tellerrand schauen. Der Sport ist immer ein bisschen in sich gekehrt – es geht nur um Sport, Infrastruktur, Sportpolitik. Wir sehen Sport und Kultur nicht als Gegensatz. Gemeinsam können wir stark oder stärker werden und zeigen, was wir für die Gesellschaft leisten. Das Theaterprojekt ist ein Pilotprojekt, das sicherlich kaskadierende Effekte in Berlin haben kann.“

 „Needs – Kritik der Bedürfnisse“ wurde auch zum FAVORITEN Festival Anfang Oktober 2026 in Dortmund eingeladen – ausgewählt aus mehr als 300 Produktionen, die sich beworben hatten. Die Jury begründete die Entscheidung mit folgenden Worten:

„Die Produktion von Team Sisyphos besticht als spielerisches Volkstheater im Adidas-Trainingsanzug. Sie zeigt die Leidenschaft für den Sport als sozialen Kitt der Gesellschaft, aber ebenso die Schattenseiten, sobald die Kommerzialisierung die kleinen Vereine gefährdet. Mit großer Leichtigkeit changiert das Stück zwischen ekstatischer Hingabe für den Sport und radikaler Bedürfniskritik, zugänglich serviert wie eine Portion Pommes rot-weiß: Theorien von Marx, Adorno und Marcuse blitzen auf und verbinden Konsumkritik im Industriekapitalismus mit Fragen nach Profit, Leistungszwang und unsichtbarer Sorgearbeit.“

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