Frau Dr. Lueg, Sie sagen: „Frauenherzen schlagen anders.“ Was genau bedeutet das?
Sehr lange ist man davon ausgegangen, dass das Wissen über Männerherzen eins zu eins auf Frauen übertragbar ist. Das stimmt so nicht. Frauen sind keine weiblichen Männer. Herzmedizin muss individueller gedacht werden. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber auch relevante Unterschiede – und die muss man berücksichtigen, bevor man Diagnostik oder Therapie einfach überträgt.
Wo gibt es geschlechterspezifische Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen?
Eigentlich in allen Bereichen: bei Symptomen, Risikofaktoren, Diagnostik und Behandlung. Das Problem ist, dass diese Unterschiede lange nicht systematisch erforscht wurden und noch nicht flächendeckend bekannt sind. Dadurch werden sie im medizinischen Alltag oft nicht konsequent berücksichtigt.
Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Das vielleicht bekannteste ist der Herzinfarkt. Zwar haben Frauen und Männer in etwa 80 Prozent der Fälle Symptome wie linksseitige Brustschmerzen oder ein Druckgefühl hinter dem Brustbein. Frauen können aber zusätzlich häufiger Oberbauchschmerzen, Luftnot, Schwindel oder Schweißausbrüche haben. Entscheidend ist, alle Beschwerden bei einem passenden Risikoprofil ernst zu nehmen. Vor allem wenn sie unter Belastung auftreten und in Ruhe besser werden, sollte man nach einer möglichen Ursache am Herzen suchen.
Unterscheiden sich Frauen und Männer auch in der Behandlung?
Ja – und das ist einer der gravierendsten Punkte. Frauen erhalten nach einem Herzinfarkt aktuell seltener invasive Eingriffe und seltener die leitliniengerechten Medikamente, von denen wir wissen, dass sie das Überleben verbessern. Das ist in Studien gut belegt.
Welche Folgen hat das?
Schon zum Zeitpunkt des Herzinfarkts ist die Sterblichkeit bei Frauen etwa 20 bis 25 Prozent höher als bei Männern. In den Jahren danach nimmt dieser Unterschied weiter zu, weil Frauen häufiger erneute Ereignisse haben und öfter wieder hospitalisiert werden. Zwar kriegen mehr Männer einen Herzinfarkt, aber Frauen sterben langfristig häufiger daran.
Woran liegt diese strukturelle Ungleichheit?
Dafür gibt es viele Gründe. Die Zeit bis zur Diagnose kann sich verzögern, da Frauen wegen beruflicher Belastung und zusätzlicher Care-Arbeit später zum Arzt gehen. Ein weiterer Punkt ist, dass kardiovaskuläre Beschwerden bei Frauen seltener ernst genommen werden und noch immer schneller als psychosomatisch eingeordnet werden. Natürlich gibt es psychosomatische Erkrankungen – bei beiden Geschlechtern. Aber bevor man das annimmt, müssen die kardiologischen Standarduntersuchungen gemacht werden. Genau das passiert bei Frauen zu oft nicht. Hinzu kommt, dass Frauen oft älter sind, wenn sie das erste Mal unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden und entsprechend mehr Vorerkrankungen haben können.
Warum fehlen in vielen Bereichen noch klare Empfehlungen für Frauen?
Weil Frauen in Studien lange unterrepräsentiert oder gar nicht eingeschlossen waren. Viele Medikamente wurden primär an Männern getestet. Frauen verstoffwechseln Medikamente oft anders und haben bei gleicher Dosierung höhere Wirkstoffspiegel im Blut – und damit auch mehr Nebenwirkungen. Trotzdem fehlen bis heute geschlechterspezifische Leitlinien.
Welche Rolle spielen Hormone für die Herzgesundheit?
Hormone beeinflussen das Herz über das gesamte Leben hinweg. Bestimmte Herzrhythmusstörungen können zyklusabhängig häufiger oder seltener auftreten. Östrogene wirken zunächst schützend. Mit Beginn der Menopause fällt dieser Schutz aber weg: Blutfette und Blutdruck steigen. Deshalb leiden Frauen im Durchschnitt etwa zehn Jahre später an Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Männer.
Gibt es weitere geschlechterspezifische Risikofaktoren, die oft übersehen werden?
Schwangerschaftskomplikationen sind ein wichtiger Punkt. Frauen, die in der Schwangerschaft Bluthochdruck, Diabetes oder eine Herzschwäche hatten, haben langfristig ein deutlich erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das ist vielen weder auf ärztlicher noch auf Patientinnenseite bewusst. Dabei wäre die Schwangerschaft ein ideales Fenster für langfristige, kardiologische Prävention – diese Chance nutzen wir bisher kaum.
Wie wichtig ist Sport für die Herzgesundheit?
Sport ist eigentlich mit das Wichtigste. Regelmäßige Bewegung verbessert die Herzleistung, den Stoffwechsel, die Gefäßfunktion und die Insulinsensitivität – in jedem Alter. Bewegung ist eine der wirksamsten Therapien für das Herz, die wir haben und nicht ersetzbar.
Wie viel Bewegung ist sinnvoll?
Die Empfehlungen sagen, dass man sich pro Woche 150 bis 300 Minuten moderat oder 75 bis 150 Minuten intensiv bewegen sollte. Am Wichtigsten ist es aber, die Menschen nicht abzuschrecken. In der Praxis sage ich: Hauptsache, man bewegt sich. Wichtig ist, etwas zu finden, das man langfristig in den Alltag integrieren kann.
Gibt es bestimmte Sportarten, die Sie empfehlen?
Grundsätzlich gilt: Wenn keine Vorerkrankungen vorliegen, ist es egal, was man macht – entscheidend ist, dass man es regelmäßig tut. Lange wurden Ausdauersportarten wie Radfahren, Joggen oder Schwimmen empfohlen. Inzwischen wissen wir, dass auch Krafttraining sinnvoll und sicher sein kann, wenn es individuell angepasst ist. Bei bestehenden Herzerkrankungen braucht es eine ärztliche Einschätzung, um Belastungsgrenzen festzulegen – aber Bewegung bleibt fast immer ein zentraler Teil der Therapie.
Profitieren Frauen und Männer gleichermaßen von Bewegung?
Studien belegen, dass Frauen bei gleicher Belastung oft schneller positive Effekte sehen. In einer Untersuchung zeigte sich ein Überlebensvorteil bei Männern erst ab etwa 300 Minuten Bewegung pro Woche, bei Frauen bereits ab rund 140 Minuten. Trotzdem nehmen Frauen seltener an Reha-Sport oder strukturierten Bewegungsprogrammen teil. Genau dort, wo Bewegung etabliert wird, geht also viel Potenzial verloren.
Sie sprechen beim Gesundheitsforum des LSB Berlin über geschlechterspezifische Herzgesundheit. Was erwartet die Teilnehmenden?
Es geht darum zu verstehen, was Herz-Kreislauf-Erkrankungen eigentlich sind, welche Risikofaktoren es gibt und wo sich Frauen und Männer unterscheiden – sowohl in den Symptomen als auch in der Behandlung. Vor allem geht es aber darum, was jede und jeder selbst konkret tun kann, um das eigene Herz gesund zu halten.
Warum ist dieses Thema gerade auch für sportlich aktive Menschen relevant?
Weil Sport ein extrem wirksames Instrument der Prävention ist – aber auch individuell betrachtet werden muss. Viele wissen gar nicht, wie groß der Einfluss von Bewegung auf Blutdruck, Stoffwechsel und Herzleistung ist. Gleichzeitig gibt es Unsicherheiten: Wie viel ist sinnvoll? Was ist bei Vorerkrankungen zu beachten? Genau darüber sprechen wir.
Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Dass Frauen verstehen, dass sie genauso von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen sind wie Männer – und dass Prävention im Alltag beginnt.
Interview: Franziska Staupendahl
Bildunterschrift:
Dr. Julia Lueg, 33 Jahre, hat in Freiburg Medizin studiert. Seit 2019 ist sie an der Charité (seit 2023 Deutsches Herzzentrum der Charité). Ihre Forschungsschwerpunkte sind geschlechtsspezifische Kardiologie, kardiovaskuläre Erkrankungen in der Schwangerschaft.
LSB-Gesundheitsforum am 18. April 2026 – hier geht es zu Infos und zur Anmeldung.
