Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: Eine Sportlerin oder ein Sportler trainiert über Jahre, vermutlich sogar über Jahrzehnte, für das große Ziel einer olympischen Medaille. Vielleicht hat er oder sie nicht die Möglichkeit eine der Sportförderstellen bei Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll zu bekommen und wird allenfalls durch die Förderung der Sporthilfeüber Wasser gehalten. Durch viel Einsatz, Durchsetzungsvermögen, Opferbereitschaft und mit einer Portion Glück geht der Medaillenwunsch schließlich in Erfüllung, vielleicht sogar mehr als das eine Mal. Die Freude ist riesig. Alle jubeln, Politik und Verbände gratulieren. Es gibt sogar eine kleine Prämie, die besteuert wird, aber selbst für den höchsten Erfolg im Sport nichts, das die Strapazen der vergangenen Jahre ausgleicht.
Und danach? Die Medaillengewinnerin oder der Medaillengewinner startet verspätet ins Berufsleben, denn man habe ja nichts gelernt. Er oder sie muss eventuell sogar noch eine Ausbildung abschließen, da neben Training, Wettkampf und Regeneration oft schlichtweg keine Zeit mehr blieb. Das Rentensystem in Deutschland bestraft aber für jedes Jahr, das nicht in die Rentenkasse eingezahlt wird. Müssen vergessene Leistungsträgerinnen und -träger mit 67 Jahren Pfandflaschen sammeln, weil 15 Jahre Einzahlung in die Rentenkasse fehlen?Während die Medaille vergessen im Schrank hängt?
Ist das die Zukunft, die wir unseren Spitzensportler*innen wünschen? Ich denke nicht. Spitzensport ist bereits zugangsbeschränkt genug. Auf der einen Seite bedarf es einen hohen Einsatz an finanziellen und zeitlichen Ressourcen. Auf der anderen Seite sind die Risiken enorm hoch, Verletzung, Krankheit und andere nicht immer kontrollierbare Faktoren sorgen dafür, dass Erfolg schlicht nicht planbar ist. Wenn wir von Spitzensportlerinnen und -sportlernMedaillen und Top-Platzierungen erwarten, können wir sie nicht mit Existenzängsten an den Start gehen lassen. Die Sporthilfe liefert großartige Arbeit in der Unterstützung der Athleten und Athletinnen. Doch als Stiftung sind auch ihre Möglichkeiten begrenzt. Auch mich habendementsprechend Existenzängste begleitet, bevor ich in eine Sportförderstelle aufgenommen wurde. Viele Athletinnen und Athleten müssen aus finanziellen Gründen ihre Karriere beenden, bevor sie ihr volles Potenzial ausschöpfen konnten.
Mehrere Jahre habe ich bis zu 30 Stunden die Woche trainiert. Rechnet man Vorbereitungs- und Regenerationszeit, Trainingslager und Wettkämpfe dazu, liegt das Invest weit über einem Vollzeitjob. Dabei hatte ich ein Einkommen von zusammengerechnet maximal 1.500€. Zieht man davon Miete in Berlin, Lebensmittelkosten und Ausgaben für Ausrüstung, Nahrungsergänzungsmittel und weiteres ab, bleibt am Ende nicht viel übrig. Neben dem Training arbeiten? Nicht möglich. Das Studium muss ebenfalls über die Regelstudienzeit gestreckt werden. Das Glück, dass mein Verein und mein Verband viele Kosten übernehmen konnten, haben bei weitem nicht alle Athletinnen und Athleten. Ausgerechnet Sport ist aber dafür gedacht, eine faire Basis für Wettkampf zu eröffnen. Bin ich auf Privilegien wie die finanzielle Unterstützung meiner Eltern angewiesen, kann Sport von vornherein kein faires Spielfeld bieten.
Das Bundesministerium des Innern und für Heimat und die Sporthilfe unterstützenAthletinnen und Athleten ohne Sportförderstelle seit einigen Jahren ab einem bestimmten Förderungslevel mit 250 Euro monatlich für eine Vorsorge in der sogenannten „Rürup“-Rente. Das ist super! Nur leider ist diese Vorsorgeform nicht optimal. Mit oft geringem Einkommen profitieren Betroffene nicht vom steuerlichen Vorteil. Zumal die gesicherte Ausschüttung selbst bei 250 Euro monatlicher Einzahlung eher niedrig ist. Dazu kommt, dassdie Verträge zwar meist pausierbar, aber gleichzeitig unkündbar sind, was nach Karriereende und dem Wechsel ins Angestelltenleben bedeutet, dass die gut gemeinte Unterstützung zu einer finanziellen Belastung werden kann.
Angemessene soziale Absicherung, besonders für den hohen Einsatz, den Spitzensportlerinnen und -sportler an den Tag legen, ist eine Frage der Wertschätzung. Für das Nationalteam starten und sich im Alltag um Einkommen und Vorsorge Sorgen machen zu müssen - das passt nicht zusammen. Wir sprechen hier nicht von einem „Bonus“, der Athletinnen und Athleten auf finanzieller Leistung ausruhen lässt, sondern von grundlegendenSicherheitsbedürfnissen, die es erst möglich macht, sich zu 100 Prozent auf den Sport zu konzentrieren und lange genug dabei bleiben zu können, um erfolgreich zu werden. Und die Mittel dafür sind da: Bund und Länder geben schätzungsweise bis 700 Millionen Euro pro Jahr für die Spitzensportförderung aus – mehr als viele andere Länder. AngemesseneAbsicherung wie etwa eine Altersvorsorge ist also keine Frage fehlender Mittel, sondern vielmehr eine Frage der fairen Verteilung von Mitteln.
Wollt ihr Medaillen sehen? Dann gebt uns wenigstens ein Grundlevel an sozialer Absicherung.
Sarah Wibberenz, Ruderin, Mitglied der Nationalmannschaft
Foto: privat
