„Nicht warten, bis es zu spät ist“

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Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußball-Verbands (BFV), über die BFV-Studie „Geschichte des Berliner Fußballs in der NS-Zeit“ und die Lehren daraus

Was war Auslöser für die Studie?

Der Berliner Fußball-Verband befasst sich seit über zehn Jahren intensiv mit der eigenen Geschichte und hat festgestellt, dass das Wissen über die Rolle des Berliner Fußballs und das Handeln seiner Funktionäre während der NS-Zeit unzureichend ist. Anlässlich des 125-jährigen Jubiläums des BFV vor drei Jahren hat der Verband eine öffentliche Erklärung abgegeben, in der er sich zu seiner historischen Verantwortung bekennt und seine Absicht bekräftigt, die Geschichte des Berliner Fußballs in der NS-Zeit aufzuarbeiten. Damit ist der BFV der erste Landes- bzw. Regionalverband im DFB – und auch der erste Einzelsportverband des LSB, der eine solche Studie veröffentlicht.

Warum kommt die Studie erst jetzt – 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs?

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit erfolgte in Deutschland bekanntlich sehr spät. In einigen gesellschaftlichen Bereichen ist das bis heute nicht passiert, übrigens auch längst nicht überall im Sport. Im Fußball wurde in den 1990er-Jahren begonnen, sich dem Thema zuzuwenden. Im Vorfeld der WM 2006 gab der DFB dann die sogenannte Havemann-Studie in Auftrag. Seitdem ist viel passiert. Vereine haben nachgezogen, und die Debatte um die historische Verantwortung des Fußballs, die Rolle von Einzelpersonen, Vereinen und Verbänden hält seitdem an. Auch der BFV wollte wissen, was im Berliner Fußball zwischen 1933 und 1945 geschah. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hört mit der Veröffentlichung der Studie aber nicht auf, die Fragen an die Vergangenheit wandeln sich und die Befassung mit Geschichte ist ein lebendiger Prozess.

Wer hat die Studie erarbeitet?

Ein Team von Fachleuten unter der Leitung von Daniel Küchenmeister und Thomas Schneider. So entstand ein kollaboratives Projekt. Das war uns wichtig, denn letztlich will der BFV aus dem Projekt lernen.

Wie wurde die Studie erarbeitet, auf welchen Grundlagen?

Zunächst muss man festhalten, dass die Quellenlage nicht einfach war, da die Vereine über kein Archiv verfügen und Unterlagen oftmals nicht mehr existieren. Wichtig war uns vor allem, dass es nicht bei der organisationsgeschichtlichen Betrachtung des Verbandes bleibt, denn der ist bekanntlich 1933 aufgelöst worden. Sondern wir wollten Kontinuitäten und Brüche in den Blick nehmen, also beispielsweise auch die Zeit vor 1933 und die Zeit nach 1945 berücksichtigen. Und vor allem wollten wir verschiedene Betrachtungsebenen einbeziehen: die Ebene des Verbandes, die Vereine, Einzelpersonen und natürlich die Menschen, die von den Nazis ausgegrenzt und ermordet wurden, also insbesondere die jüdischen Bürger, denen die Studie durch die erstmals erfolgte, umfangreiche und zusammenhängende Darstellung des jüdischen Fußballs zwischen 1933 und 1938 ein Denkmal setzt.

Was sind die wesentlichen Ergebnisse der Studie?

Insgesamt kann man sagen, dass die Studie die wissenschaftlichen Ergebnisse und wesentlichen Erkenntnisse der fundierten historischen, insbesondere sporthistorischen Forschungen zur NS-Zeit in den vergangenen Jahrzehnten bestätigt. Grundsätzliche Aussagen dieser Arbeiten über die Entwicklungen des Sports und insbesondere des Fußballs werden durch die Untersuchung und Wertung der regionalen Ebene verstärkt. Der Fußball war ohne Zweifel ein Unterstützer des NS-Regimes, auch wenn er „nur“ den Spielbetrieb organisierte. Durch seine faktische Selbstauflösung und bereitwillige Unterordnung leistete der Verband Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB), wie er damals hieß, einen Beitrag bei der Zerstörung der Demokratie und der gesellschaftlichen Gleichschaltung sowie zur Festigung und Stabilität der NS-Diktatur. Auch das sportpolitische und sportorganisatorische Handeln der ehemaligen Funktionäre des VBB, selbst wenn sie nicht Mitglied der NSDAP waren, war letztlich mit dem systematischen Ausschluss der jüdischen Sportlerinnen und Sportler und die Unterdrückung von Verweigerung gegenüber dem NS-Regime bzw. des Widerstands gegen die Diktatur verbunden.

Gibt es überraschende Erkenntnisse?

Durchaus. Die Autoren konnten aufzeigen, dass es innerhalb des Systems zumindest eine Zeit lang noch Handlungsspielräume gab, die in unterschiedlicher Weise genutzt wurden. Beispielsweise wissen wir jetzt, dass vor den Olympischen Spielen 1936 noch sogenannte „Begegnungsspiele“ zwischen den grundsätzlich ausgegrenzten jüdischen und den Mannschaften des NS-Reichsbundes stattgefunden haben. Indem diese noch zugelassen wurden, wollte das Regime kurz vor den Olympischen Spielen nach außen den Schein einer vermeintlich offenen Gesellschaft wahren. Umgekehrt gab es im Verband handelnde Personen, die aktiv dabei mitgeholfen haben, die Anpassungen der NS-Sportführung im Berliner Fußball umzusetzen, und die wir nach heutigen Maßstäben als Nazis bezeichnen würden. Sofern diese auch nach der Wiedergründung des BFV nach 1949 noch im Berliner Fußball aktiv waren und Wertschätzung genossen, werden wir uns als BFV-Präsidium damit befassen und entscheiden müssen, wie wir damit umgehen.

Welche Impulse gibt die Studie für die aktuelle und künftige Arbeit des Berliner Fußball-Verbands und seiner Vereine?

Die allgemein aufgeheizte Stimmung in der Gesellschaft schlägt sich auch auf den Fußballplätzen nieder. Es sind leider immer wieder Vorfälle von Diskriminierung und Antisemitismus zu beobachten. Hier kann für uns als Verband nur die Lösung sein, für Demokratie und Antidiskriminierung einzustehen. Das muss auf und neben dem Platz in konkrete Maßnahmen münden, die jenen Entwicklungen entgegenwirken. Unsere Studie kann vielleicht eine Aufmerksamkeit dafür schaffen, worauf es ankommt: dass man eben nicht wartet, bis es zu spät ist. Auch der Umbruch von 1933 hatte eine Vorgeschichte, auch damals sind gewisse Dinge ins Rutschen gekommen, die von vielen erst einmal für nicht so gefährlich gehalten wurden. Die historische Lehre ist: Es kommt darauf an, so zeitig wie möglich eine Haltung zu entwickeln, sich dem entgegenzustellen und klarzumachen, dass kein Mitbürger Diskriminierung erfahren darf. Sich erst 1933 dem entgegenzustellen, war viel zu spät – das darf nie wieder passieren. Deshalb haben wir im BFV-Präsidium eine Haltung zum Umgang mit antidemokratischen und extremistischen Parteien, Gruppierungen, Akteuren und Akteurinnen entwickelt und Anfang des Jahres auch veröffentlicht.

Inwiefern ist die Studie nicht nur an den Sport gerichtet – inwiefern ist sie auch ein „Beitrag zur öffentlichen Debatte über zukünftige Erinnerungskultur und zeitgemäße Vermittlungsformen in der historisch-politischen Bildung“?

Der Sport bzw. der Fußball steht – das ist meine feste Überzeugung – nicht für sich allein, sondern ist breit aufgestellt und ein durchaus einflussreicher gesellschaftlicher Akteur. Insofern glaube ich schon, dass die Studie eine gewisse Signalwirkung haben kann. Die Ergebnisse der Studie bieten dem Berliner Fußball-Verband jedenfalls die Voraussetzung, die kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte auf neuer Grundlage fortzusetzen und in der gegenwärtigen und zukünftigen Verbandsarbeit – auch nach außen hin – Impulse zu setzen. Wir werden mit dem Bemühen nicht aufhören, uns der historischen Verantwortung zu stellen, uns weiterhin in die breiten gesellschaftlichen Debatten einbringen, historische Inhalte, insbesondere die Geschichte der NS-Zeit, zu Themen der verbandlichen Bildung und Qualifizierung machen, gemeinsam mit Partnern nach geeigneten Formen der Erinnerung und des Gedenkens an die systematisch ausgrenzten jüdischen Fußballsportler suchen sowie das Andenken an Personen aus dem Berliner Fußball beleben, die sich gegen das NS-Regime stellten.

Wie geht es weiter? Die Studie soll, wie der BFV schreibt, kein Endpunkt sein, sondern die Grundlage für weitere Projekte und Maßnahme. Welche?

Da ist vieles denkbar. Fest steht, das der Berliner Fußball-Verband die Studie nicht zu den Akten legen, sondern weiter damit arbeiten wird. In der Studie selbst sprechen die Projektleiter bestimmte Handlungsempfehlungen aus. Das sind etwa Schulungen für Verbandsmitglieder, Schiedsrichter und weitere Gruppen. Der Verband kann z. B. auch Hilfestellungen anbieten, wenn die Vereine ihre eigene Vergangenheit beleuchten wollen. Welche der Handlungsempfehlungen wir umsetzen, müssen wir in den kommenden Monaten sukzessive entwickeln. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir mit geeigneten Partnern zusammenarbeiten. In den heutigen Zeiten kommt es darauf an, sich mit denen zu vernetzen, die ebenfalls die Demokratie stärken und sich gegen Diskriminierung stellen wollen. Es braucht mehr Kooperationen zwischen dem Sport und seinen Vereinen auf der einen sowie der Zivilgesellschaft auf der anderen Seite.

Inwiefern kann die Studie auch eine Blaupause für andere Sportverbände sein, sich der historischen Verantwortung und Vergangenheit zu stellen?

Wir hoffen, dass die BFV-Studie eine gewisse Vorbildfunktion entfaltet. Der Verband, die beiden Projektleiter und auch die beteiligten Wissenschaftler stehen jedenfalls bereit, ihr Wissen zu teilen. Wir hatten bereits im vergangenen Jahr auf Einladung des LSB angeboten, in einem Workshop die BFV-Studie, also Zielstellung, Konzeption, erste Ergebnisse etc. den Präsidentinnen und Präsidenten der anderen LSB-Mitgliedsverbände vorzustellen und mit ihnen zu diskutieren. Das ist leider zu wenig wahrgenommen worden. Der Sport, seine Verbände und Vereine sollten sich dessen bewusst sein, dass sie keineswegs unpolitisch sind, sondern immer schon mit den jeweiligen politischen Verhältnissen in vielfältiger Weise verbunden waren und sind. Allein daraus erwächst die Verantwortung, eine Haltung zu entwickeln, sich politisch zu positionieren und falls nötig geeignete Maßnahmen zu entwickeln.

Bildunterschrift:

Bernd Schultz bei der Fachtagung „Geschichte des Berliner Fußballs in der NS-Zeit“ Ende April 2025: „Es kommt darauf an, sich mit denen zu vernetzen, die ebenfalls die Demokratie stärken und sich gegen Diskriminierung stellen wollen.“

Foto-Credit: BFV