Die Berichterstattung der vergangenen Tage in einigen Berliner Medien zu den Bewerbungsvorhaben in Deutschland für Olympische und Paralympische Spiele kann durchaus zu einiger Irritation führen. Es wurde ein Vergleich Olympischer Spiele über Zeiten, Länder, politische Systeme und infrastrukturelle Voraussetzungen hinweg vorgenommen, der wenig zielführend ist. Solche Vergleiche verführen zu falschen Erwartungen – etwa bei Rückgriffen auf München, Barcelona, Sydney oder Paris – oder wecken Ängste anhand der Beispiele Athen, Atlanta oder Sotschi. Dabei ist doch klar festzuhalten: Keines dieser Beispiele ist Berlin – und die Spiele in diesen Städten sind nicht direkt vergleichbar mit dem bislang vorliegenden Berliner Konzept.
Nach der Sitzung des Sportausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus wurden einige kritisch gemeinte Punkte verkürzt ausgeführt, die in zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten wesentlich differenzierter dargestellt sind. Insbesondere ökonomisch relevante Aspekte, die zum Verständnis der Wirkungskräfte Olympischer und Paralympischer Spiele wichtig sind, wurden nur unzureichend oder gar irreführend präsentiert.
Die Annahme, dass sich städtische Investitionen binnen der 16 Tage Olympischer Wettkämpfe amortisieren müssten – und dass diese Investitionen überwiegend aus Berliner Mitteln stammen, wobei der ökonomische Nutzen außerhalb Berlins oder gar Deutschlands entstünde, kann nicht gezogen werden. Solch ein Verständnis widerspricht dem Grundprinzip öffentlicher Infrastrukturentwicklung. Straßen, Schulturnhallen, Schwimmbäder, digitale Netze oder klimatisierende Grünflächen haben eine langfristige Wirkung – vorausgesetzt, sie sind strategisch geplant. Diese bleiben der Stadtgesellschaft auch nach den Spielen erhalten.
Es stellt sich auch die Frage, welche olympische Investition in Berlin derzeit geplant ist, die von der Bevölkerung abgelehnt wird? Wo ist Infrastruktur vorgesehen, die nach den Spielen entbehrlich ist? Selbst das Olympische Dorf wäre ein Beitrag zur dringend benötigten Schaffung von Wohnraum. Ebenso trifft dies auf die Sanierung von Schwimmhallen oder Turnhallen zu – beides Defizite in der Hauptstadt. Will die Stadtbevölkerung hier keine Verbesserung?
Eine solche Analyse blendet zudem wichtige wirtschaftliche Zusammenhänge aus. Paris 2024 illustrierte die Einbindung regionaler kleiner und mittlerer Unternehmen, also viel lokalen Nutzen, sowie Arbeitsplätze und Steuermehreinnahmen – zumindest für die 10 Jahre der Vorbereitung … aber durch hier nicht so schnell zu erklärende Erneuerungen nach den Spielen. Da das IOC über den Host City Contract erhebliche finanzielle Mittel einbringt – in der Größenordnung von rund zwei Milliarden Euro – kommen erhebliche Mittel von außen, die direkt in die regionale Wirtschaft fließen. Solche Summen schaffen oder sichern Arbeitsplätze, besonders in Tourismus, Handel und Dienstleistungen.
Warum sollte die Stadt Berlin bewusst auf diese Mittel verzichten, auf weitere Mittel von Sponsoren, Besuchern, dem Bund, den deutschen Steuerzahlern außerhalb von Berlin?
Die Behauptung, vor allem ausländische Firmen würden profitieren, stimmt sicherlich, greift aber zu kurz. Viel liegt am lokalen Konzept, über Vergaberichtlinien die Teilhabe regionaler Unternehmen aktiv zu gestalten. Genau dies sollte Teil der Berliner Planungen sein – und, auch das. ausländische Unternehmen schaffen ja für das in ihre Leistungen investierte Geld Nutzen für Berlin!
Auch das Argument der touristischen Verdrängung während der Spiele lässt sich differenzierter betrachten. Untersuchungen zur Fußball-WM 2006 zeigen, dass kurzfristige Rückgänge im Stammgeschäft durch Vor- und Nachholeffekte kompensiert werden. Viele Erstbesucher kommen zudem später erneut – nicht zuletzt wegen positiver persönlicher Erfahrungen und des vermittelten Images. Im Übrigen: Wenn Preise während Olympia steigen und die Gästezahlen konstant bleiben, profitiert das lokale Gastgewerbe doch um die Preissteigerung. Und diese generieren wiederum höhere Steuereinnahmen – ein nicht zu unterschätzender Effekt.
Schließlich ist es wichtig, die Unterschiedlichkeit der Olympiakonzepte zu betonen. London etwa hat bewusst in neue Infrastruktur investiert, um ganze Stadtteile zu transformieren. Berlin hingegen verfolgt eine sogenannte „Low-Impact-Bewerbung“, bei der vorhandene Anlagen temporär ertüchtigt und sinnvoll genutzt werden. Ein Transfer der Londoner Investitionszahlen ist deshalb fehlleitend. Paris wäre ein geeigneteres Vergleichsbeispiel, da dort auch weniger investiert wurde.
Die Reduktion Olympischer Spiele auf rein monetäre Betrachtungen greift ohnehin zu kurz. Natürlich ist eine kritische Auseinandersetzung mit Kosten unerlässlich. Wenn es nur um Geld geht, dürften jedoch lediglich Industrieparks gebaut werden und Feste wie Weihnachten und Feiertage müssten abgeschafft werden.
Aber wir sind Menschen, die leben. Olympische und Paralympische Spiele entfalten ihren gesellschaftlichen Mehrwert über ökonomische Kennziffern hinaus: soziale Kohäsion, internationale Sichtbarkeit, Bildungseffekte, Bekämpfung von Rassismus, Identifikation mit Deutschland und Europa. All dies sind sogenannte „intangible Effekte“, schwer zu quantifizieren, aber gesellschaftlich spürbar.
Sport-Großveranstaltungen eröffnen Chancen. Und zwar dort, wo ohne solchen Anlass keine Impulse gesetzt würden. Dass durch die Ablehnung der Spiele in München oder Hamburg anschließend mehr Geld für Schulen, Kitas oder Krankenhäuser bereitgestellt wurde, ist schlicht nicht der Fall gewesen – was das wesentliche Argument von Olympiagegnern entkräften dürfte. Aber das Active City Programm in Hamburg hat auf Dauer eine Mittelverteilung hin zum Sport gebracht.
Ein Ereignis wie Olympische Spiele kann in Zeiten globaler Spannungen und wachsender gesellschaftlicher Spaltung ein wichtiges Zeichen setzen – für Dialog, Zusammenhalt und internationale Verständigung. Auch das hat einen Wert – gerade heute. Im Zusammenhang mit einer Bewerbung dürfen nicht nur Risiken, es müssen auch Potenziale dargestellt und diskutiert werden wären. Städte wie Berlin, Hamburg, München oder NRW sollten ermutigt werden, Investitionen mit externen Mitteln klug in die eigene Entwicklung einzubetten.
