Herr Dr. Wismach, warum ist der Umgang mit Schmerzmitteln gerade im Sport ein wichtiges Thema?
In unserer heutigen Leistungsgesellschaft wollen nicht nur Elitesportlerinnen und -sportler, sondern auch Breiten- und Amateursportlerinnen und -sportler Höchstleistungen vollbringen. Das so genannte „Playing hurt“-Phänomen“ zeigt, dass Jugendliche und Erwachsene ein unangemessenes Verhalten an den Tag legen, um am Training oder an Wettkämpfen teilzunehmen – trotz körperlicher Einschränkung oder Schmerzwahrnehmung. Darum werden häufig bei Beschwerden Medikamente eingesetzt, die zu Leistungssteigerung, Schmerzreduktion oder Verbesserung der Körperform führen sollen.
Welche Medikamente sind das?
Der Medikamentenmissbrauch reicht von der Einnahme rezeptfreier Schmerzmittel ohne akute Beschwerden über den Konsum verbotener Substanzen im Profibereich bis zum Hormonmissbrauch im Fitnessstudio.
Diclofenac, Ibuprofen und Acetylsalicylsäure (ASS) sind die häufigsten Mittel, um Schmerzen zu unterdrücken und die Belastbarkeit künstlich zu steigern – sowohl im Amateur- und Profifußball, aber auch bei Ausdauerläufern. Häufig stehen sie nicht auf der Dopingliste, sind aber hochriskant im medizinischen Bereich. Anabolika (anabole Steroide) kommen bevorzugt beim Bodybuilding und im Kraftsport zum Einsatz – für Muskelaufbaus und Fettverbrennung.
Stimulanzien, wie Erythropoetin (EPO), werden missbräuchlich im Ausdauersport, z. B. im Radsport, zur Steigerung der Sauerstoffaufnahme und der Konzentration eingenommen.
Warum ist der Gedanke „Eine Tablette, dann geht’s wieder“ im Sport besonders problematisch?
Schmerzen gehören zum Leben und sind ein lebenswichtiges Warnsignal unseres Körpers. Durch Medikamente können diese unterdrückt und akute Verletzungen beziehungsweise Überlastungen nicht sofort bemerkt werden. Das kann es zu chronischen Schäden am Bewegungsapparat und an Organen führen.
Was kann passieren, wenn Schmerzmittel bei großer körperliche Belastung, Hitze oder Dehydrierung eingenommen werden?
Bei großer körperlicher Belastung leitet der Körper das Blut in die arbeitende Muskulatur um. In dieser Situation stehen unsere Nieren ohnehin unter Stress und kommt dann noch Hitze und Dehydration hinzu, heben Schmerzmittel im schlimmsten Fall den vorgesehen Schutzmechanismus der Nieren aus und es kann zu einem akuten Nierenversagen führen.
Gibt es Situationen, in denen die Einnahme von Schmerzmitteln vor dem Sport sinnvoll oder medizinisch vertretbar ist?
Nein.
Was kann passieren, wenn man Schmerzen einfach wegdrückt?
Bestehende Verletzungen und Beschwerden können sich verschlimmern, zu chronischen Schmerzen führen und Folgeschäden verursachen. Das Nervensystem sendet dauerhafte Signale, lernt den Schmerz und sendet weiter, selbst wenn der ursprüngliche Auslöser weg ist. Man spricht dann von Schmerzgedächtnis.
Und warum ist das Schmerzgedächtnis gefährlich?
Weil es den Schmerz von seiner biologischen Warnfunktion entkoppelt und ihn zu einer eigenständigen, chronischen Schmerzkrankheit macht. Das Nervensystem wird dauerhaft überempfindlich, sodass selbst harmlose Reize wie leichte Berührungen oder Bewegung starke Schmerzen auslösen können.
Was sollten Trainer* innen tun, wenn ein Sportler oder eine Sportlerin trotz Schmerzen unbedingt weiter trainieren möchte?
Es sollte das Training unterbunden werden und eine Diagnostik durch einen Sportmediziner oder Arzt erfolgen.
Sollten Trainer* innen wissen, welche Medikamente ihre Sportler*innen einnehmen?
Auf jeden Fall. Eine Rückkopplung mit dem Hausarzt oder dem Sportmediziner ist wünschenswert, um zu wissen, wie hoch die Belastungsfaktoren sein können trotz Dauermedikation, z. B. bei Diabetes.
Wo endet die Verantwortung der Trainer* innen und wo beginnt die Eigenverantwortung der Sportler* innen?
Die Verantwortung der Trainer* innen ist umfassend und reicht über das Training hinaus. Es geht um den Schutz der Gesundheit, aber auch um die soziale und persönliche Entwicklung.
Welche Signale sollten Trainer* innen ernst nehmen, wenn sie vermuten, dass jemand regelmäßig Schmerzmittel nimmt?
Sie sollten aufmerksam sein. Wenn Sportlerinnen und Sportler erkennbar mit Schmerzen oder Verletzungen weiter trainieren, sollten Gespräche und Kontrollen stattfinden. Es gilt, jedes gesundheitliche Risiko zu vermeiden.
Wie können Vereine eine Kultur schaffen, in der selbstverständlich ist, bei Schmerzen eine Pause einzulegen oder medizinischen Rat einzuholen?
Es sollte eine Kultur geschaffen werden, wo Gesundheit an oberster Stelle steht, und klare Regeln formuliert werden, dass Schmerzen nicht zum Sport gehören.
Wie können Eltern und Trainer* innen mit Jugendlichen über Schmerzmittel sprechen, ohne Angst zu machen?
Der wichtigste Ansatz ist: aufklären statt verbieten. Auf Wirkungsweisen und Schäden sollte sachlich hingewiesen werden, wenn Jugendliche unbedacht Schmerzmittel konsumieren.
Wann sollten Sportler* innen unbedingt zum Arzt gehen?
Bei allen unklaren, länger andauernden Schmerzen und Beschwerden sowie bei akuten Herz-Kreislauf-Problemen. Wenn nach dem 35. Lebensjahr mit dem Training begonnen wird oder nach einer schweren Infektionen ist ebenfalls ein Gesundheitsscheck zu empfehlen.
Das Interview führte Angela Baufeld
Foto-Credit: Christian Scheider
