„Schwimmen ist mein Seelenklempner“

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Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn beim LSB-Fachtag „Sport für die Seele“ am 11. Oktober - jetzt anmelden!

Sport stärkt den Körper. Aber wie wirkt er auf die Seele? Für viele Menschen ist Bewegung nicht nur Ausgleich, sondern auch ein Weg zu Selbstvertrauen und innerer Stärke. Nur wenige verkörpern diese Verbindung von körperlicher und seelischer Kraft so eindrucksvoll wie Kirsten Bruhn, mehrfache Paralympics-Siegerin. Sie wird als Talkgast an der LSB-Fachtagung „Sport für die Seele“ teilnehmen – am 11. Oktober 2025. In diesem Gespräch mit ihr geht es deshalb weniger um Medaillen, sondern mehr um die Kraft, die Sport für die Seele bringen kann.

Welche Rolle spielt Sport für Ihr seelisches Wohlbefinden?

Sport ist für mein Wohlbefinden sehr, sehr existenziell. Sport ist nicht nur meine Leidenschaft und mein Hobby. Sport ist auch ein Schmerzlinderer. Ich habe durch die Querschnittslähmung permanent Phantomschmerzen in den Unterschenkeln und Füßen. Durch den Druck, den das Wasser auf den Körper ausübt, was letztendlich wie eine Kompression oder eine Lymphdrainage ist, sind die Schmerzen mehr oder weniger einen halben Tag erträglich – ohne Schmerzmittel.

Wie erleben Sie persönlich, dass Sport Ihre Stimmung verbessert?

Es ist dieses Leichtigkeitsgefühl, ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Ich habe auch oft erlebt, dass der Rollstuhl, der am Beckenrand steht, keinem zugeordnet werden kann, weil der Unterschied beim Schwimmen zwischen mir und anderen, die keine Beeinträchtigung haben, nicht gesehen wird. Es ist eine Genugtuung, wenn ich nicht auf die Behinderung reduziert und nicht in meinen Fähigkeiten unterschätzt werde. Das ist nicht nur physisch, sondern auch psychisch unfassbar motivierend und löst in mir immer positive Energien aus.

Was passiert beim Sport in Ihrem Körper in Bezug auf die Seele?

Der Körper ist letztendlich komplett durchtrainiert. Ich bin ja im Wasser in der Pflicht, alle Muskeln, die in irgendeiner Art auch nur ansatzweise abrufbar sind, auch zu nutzen, ohne sie aktiv anzusteuern. Dabei entsteht dieses Wohlgefühl.  

Wie hat Sport Ihr Selbstbewusstsein geprägt?

Unfassbar stark. Schon vor meinem Unfall, als ich 21 Jahre alt war. Ich war vorher schon Leistungsschwimmerin. Wer in der Schule keine große Leuchte ist, braucht Dinge, die er etwas besser kann als andere, um negative Erfahrungen zu kompensieren. Das war bei mir immer der Sport, das Schwimmen. Mathe und Physik waren definitiv nicht meine Fächer. Trotzdem wollte ich meine beruflichen Ziele erreichen. Erst wollte ich Tierärztin werden, dann wollte ich Humanmedizin studieren. Das ist nichts geworden. So kam Plan B und C zum Einsatz. Alles konnte ich mit Sport für mich immer erträglich machen und kompensieren.

Welche mentalen Fähigkeiten haben Sie durch Sport entwickelt?

Es gibt ja nicht nur Erfolgserlebnisse im Sport. Es konnte auch sein, dass ich die eigenen Ziele nicht erreicht habe, keine Bestzeit geschwommen bin, obwohl ich gut trainiert hatte. Das habe ich analysiert und reflektiert. Viele Menschen mögen das gar nicht: analysieren. Und schon gar nicht, sich selbst reflektieren. Das gehört aber im Sport dazu: von seinen Fehlern oder schlechten Erfahrungen lernen, um sich weiterzuentwickeln. Diese Fähigkeit lässt sich eins zu eins in den sozialen Bereich und in den Beruf adaptieren.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen oder inneren Zweifeln um?

Auch dabei hilft der Sport, weil er erstmal ablenkt. Man kann, wie man so schön sagt, eine Nacht darüber schlafen. Aber ich schwimme dann ein paar Runden. Sport hilft, alles ein bisschen sacken zu lassen, zu neutralisieren, vielleicht eine Pro- und Contra-Liste zu machen und für sich zu erörtern, was mache ich jetzt. Das ist mir beim Schwimmen immer möglich. Sport ist nicht nur körperliche Ertüchtigung, sondern auch ein mentales sich Sortieren.

Gibt es Zeiten, in denen Sie eher weniger bzw. eher mehr Sport machen?

Ja, ich bin ein absoluter Sommermensch. Im Sommer bin ich kaum zu bremsen. Die Dunkelheit im Winter frustet mich komplett, macht mich müde und inaktiver. Ich liebe Outdoor-Sport. Es gibt für mich nichts Schöneres, als im Freibad bei schönem Wetter zu schwimmen.

Welche anderen Sportarten tun Ihrer Seele gut?

Für mich ist alles, was mit Wasser zu tun hat, der Seelenklempner, der mich der Wolke 7 immer näherbringt. Ich bin definitiv kein Mannschaftssportler. Ich bin teamfähig, aber ich bin kein Teamplayer. Das kann ich im Alltäglichen, im Beruflichen. Aber im Sport möchte ich gern für mich sein. Ich kann mich auch gut selbst motivieren. Ich brauche dafür keine Gruppe, die sich zum Zeitpunkt x trifft. Das mache ich alles mit mir selbst. Ich bin schon Wasserski gefahren, habe E-Foilen und Windsurfing ausprobiert, finde SUPpen unfassbar meditativ und berauschend, weil es naturverbunden ist. Ich weiß: Was mir guttut, kann für andere unfassbar langweilig sein. Gerade schwimmen – immer nur Bahnen hin und her schwimmen. Aber ich bin dann mit mir im Reinen, kann meinen Gedanken freien Lauf lassen, muss vor allem nicht reden. Das habe ich bei meinem Sport immer genossen. Ich bin eine echte norddeutsche Dirn – rede eigentlich nur dann, wenn ich wirklich reden muss.

Wie oft und intensiv sollte man Sport treiben für die Seele bzw. kann zu viel Sport sich negativ auf die Seele auswirken?

Alles, was zur Sucht wird, ist nicht gut. Es kommt darauf an, das Maß im Fokus zu behalten. Letztendlich muss das jeder für sich selbst erkunden. Es heißt: Eine Stunde Ertüchtigung am Tag ist gut für Leib und Seele. Welche Bewegung auch immer – nur nicht sitzen.

Was würden Sie jemanden raten, der Sport für die seelische Stärkung nutzen will?

Ausprobieren, bei welcher Art von Bewegung man sich danach körperlich erschöpft, aber mental erleichtert fühlt. Ganz wichtig: Alles geht, nichts muss. Sich selbst Druck machen, ist nie gut. Man muss die intrinsische Motivation haben.

Wird Sport in unserer Gesellschaft ausreichend als Mittel für die seelischen Gesundheit gesehen?

Viel zu wenig, Das fängt in der Schule an. Lernen setzt voraus, auch körperlich mit sich im Reinen zu sein und eine Art Ausgeglichenheit zu spüren. Deshalb kann ich gar nicht verstehen, wenn der Sportunterricht ausfällt.

Müssen Sportvereine noch mehr für die seelische Gesundheit tun?

Nein. Die Vereine sind schon am Limit – wegen Personalmangel im Ehrenamt. Die Politik ist gefordert. Die Politik muss die Vereine unterstützen – damit sie mehr kompetente Trainer und Übungsleitende haben, damit die Sportstätten intakt gehalten bzw. neue Sportstätten gebaut werden, damit alle Kinder in der Grundschule schwimmen lernen. Jedes dritte Kind kann nicht schwimmen – das geht gar nicht.

Was bedeutet es für Sie, Vorbild zu sein – gerade auch im Hinblick auf mentale Gesundheit?

Wenn ich ein Vorbild bin und andere Menschen inspirieren kann, dann freut und ehrt mich das. Ich sehe mich aber nicht permanent als Vorbild.

Hier geht zu weiteren Infos und zur Anmeldung für den LSB-Fachtag „Sport für die Seele" am 11. Oktober 2025. 

Interview: Angela Baufeld