Ökologische Nachhaltigkeit: Fußball für ALLE
Wie Jens Grunwald beim 1. FC Schöneberg Mädchen und Jungen von klein auf gleichermaßen fördert
Beim 1. FC Schöneberg hat Nachhaltigkeit einen Namen: Jens. Er installiert keine Wärmepumpen, schraubt keine Photovoltaik-Anlagen aufs Dach. Er trainiert die G-Jugend – Mädchen und Jungen unter sieben Jahren. Wenn er darüber spricht, umschreibt er auf seine Weise, was als „Soziale Nachhaltigkeit“ gilt: „Ich möchte Kindern einen sicheren, geschützten Raum bieten, wo sie Fußball spielen können, solange sie wollen, und dabei niemanden ausschließen. Fußball setzt Integration und Inklusion voraus: Jedes Kind kann bei mir Fußball spielen lernen, egal, welche Voraussetzungen es hat. Alle können mitmachen. Deshalb sind in meiner Gruppe immer Kinder, die nicht wissen, wie es läuft – viel Chaos, viel Durcheinander.“
Außenstehende empfinden das anders. Sie sehen jeden Montag- und Donnerstagabend ein planvolles Training auf dem Platz am Vorarlberger Damm. Sie sehen 20 bis 30 den Bällen hinterherjagende, glückliche Kinder. Sie sehen Eltern, die mithelfen und Sportmaterial und Tore aufs Spielfeld tragen. „Ich brauche ihre Hilfe“, sagt Jens. Was er von ihnen erwartet, hat er auf der Elternseite der Vereinshomepage zusammengefasst: www.1fcschoeneberg1913.de/eltern Es gibt zu wenig Trainer und Trainerinnen. Trainerinnen gibt es beim 1. FC Schöneberg überhaupt nicht.
Jens steckt viel Energie und Geduld – manchmal bis an die Grenze der Belastbarkeit – in das Training, die Vor- und Nachbereitung. Bewegung steht für ihn dabei im Vordergrund, nicht das harte Training. Er möchte, dass die Kinder sich selbst, ihren Körper und ihre Fähigkeiten kennenlernen. Es geht nicht darum, „dass sie Profis bei Chelsea werden“, wie er es formuliert. Die Kinder sollen die Werte des Sports verstehen lernen, „eine heile Welt erleben, die sie auch in Zukunft erleben, wenn wir sie dazu erziehen“. Sie sollen verstehen, was sie machen. Deshalb erklärt er ihnen auch, warum manche Übungen so wichtig sind, obwohl sie keinen Spaß machen: „Messi und Ronaldo haben auch Übungen tausendmal wiederholt – nur darum sind sie so gut.“
Hamza flitzt im gelben Brasilien-Shirt über den Platz. Er ist fünf Jahre und seit Anfang des Jahres „Schöneberger“. „Wir hatten schon länger die Kinder hier spielen sehen, aber Hamza war noch zu klein“, sagt seine Mutter, Hilal Köse. „Jetzt ist er happy“, erzählt sie, „kein Ass, aber richtig motiviert. Der Teamgeist gefällt ihm. Er hat sich andere Jungs herausgepikt, mit denen er spielen will. Er macht viel Quatsch. Jens macht auch mal Quatsch – und trotzdem ist es ein strukturiertes Training. Jens ist cool. So einen Trainer hat man nicht überall. Ich kenne auch andere, die sind streng – keine Witze, keine Scherze.“
Die Trainingsgruppe von Jens – wie auch die anderen 20 Jugendmannschaften im Verein – kennen keine Nachwuchssorgen. Trotzdem möchte er vor allem noch mehr Mädchen für Fußball begeistern – wie Esma. „Sie ist die Beste in ihrem Jahrgang. Das checken die Jungs und das ist auch eine Botschaft: Alle wollen wie Esma sein.“ Deshalb hatte er am 8. März einen „Tag des Mädchenfußballs“ organisiert – mit einem gemischten Fußballturnier (alle Geschlechter, alle Jahrgänge), mit Spielmobil, Sportklamotten-Tauschtisch und kostenlosem „Retterbuffet“ von foodsharing.de. Auf der Vereinshomepage berichtet er darüber. Außerdem entstand durch seine Initiative ein Image-Video für Mädchenfußball – „Girls just wanna play football“ (frei nach einem Hit von Cyndi Lauper) mit dem Slogan: „Gleiche Leidenschaft, gleiche Begeisterung, gleicher Sport“.
Unterstützung erhält Jens durch das LSB-Projekt „Vielfalt im Sport für Frauen/Mädchen und LSBTIQ* und die Prozessbegleiterin Safa Semsary. Sie steht beratend zur Seite, um ihn zu unterstützen und durch Menschen wie ihn Mädchenfußball nachhaltig sichtbarer zu machen. „Jens schafft ein Angebot für Neueinsteigerinnen, das den Spaß am Fußball in den Vordergrund stellt und mit Ballgewöhnung anstelle von Leistung beginnt. Er probiert viel aus, möchte Perspektiven aufzeigen“, das schätzt sie an ihm.
Autorin: Angela Baufeld
Dieser Artikel ist in unserem Magazin "Sport in Berlin" Ausgabe 2/2025 erschienen.
