Ronald Rauhe (44) hat an sechs Olympischen Spielen teilgenommen und zweimal Gold im Kanurennsport gewonnen. Er ist bei der Bundeswehr tätig, Buchautor, TV-Experte, Speaker und interviewt in seiner Podcast-Reihe „Hauptsache Sport“ – Ronald Rauhe trifft …“ Persönlichkeiten aus dem Sport. Seit 2023 engagiert er sich in der Athlet*innenkommission des Europäischen Olympischen Komitees (EOC). Kürzlich wurde er bis 2029 wiedergewählt und als Stellvertreter berufen – Vorsitzende ist Johanna Talihärm, Biathletin aus Estland. Es gab 16 Kandidaten für sechs Positionen, die die Sommersportarten vertreten, und zwei für die beiden Positionen, die die Wintersportarten vertreten.
Zuerst herzlichen Glückwunsch zur Wiederwahl. Welche Aufgaben übernehmen Sie konkret?
Vielen Dank! Ich sehe die Wiederwahl als Fortsetzung eines Rennens, das wir vor zwei Jahren gemeinsam begonnen haben. Nur nicht mehr auf dem Wasser – sondern für die Stimme der Athletinnen in Europa. Wir vertreten die Interessen der Athletinnen bei den European Games, beim EYOF, in verschiedenen EOC-Arbeitsgruppen und im Austausch mit nationalen Kommissionen. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass „Nothing about us without us” Realität wird – also dass keine Entscheidung über Athlet*innen getroffen wird, ohne dass ihre Perspektive frühzeitig einbezogen ist.
Welche Schwerpunkte möchten Sie setzen?
Ich möchte vor allem kontinuierlich weiterführen, was wir begonnen haben:
• Transition – Der Übergang vom Leistungssport ins Berufsleben. Wenn das letzte Rennen vorbei ist, darf der Sinn nicht enden. Wir müssen Athlet*innen mit Bildung, Orientierung und Chancen unterstützen.
• Olympische Werte verteidigen – In einer Zeit, die politisch und gesellschaftlich so herausfordernd ist wie selten zuvor, müssen wir unsere Werte nicht anpassen, sondern schützen: Fair Play, Respekt, Freundschaft.
• Athletenrechte stärken – Entscheidungen dürfen nicht über uns getroffen werden. Wir brauchen echte Beteiligung, Transparenz und faire Bedingungen.
Welches Projekt oder welche Projekte liegen Ihnen dabei besonders am Herzen und warum?
Das Thema Transition liegt mir besonders am Herzen. Als jemand, der selbst über 20 Jahre im Spitzensport aktiv war, kenne ich beide Seiten: den Höhepunkt eines Olympiasiegs – aber auch die Unsicherheit, die kommt, wenn die sportliche Karriere endet. Ich möchte, dass europäische Athlet*innen in dieser Phase nicht alleinstehen. Transition ist ein Thema, das über Erfolg oder Scheitern im Leben nach dem Sport entscheiden kann – emotional wie beruflich.
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für die Athlet*innenvertretung in Europa?
Wir erleben eine Zeit massiver Veränderungen: wirtschaftlicher Druck, politische Konflikte, gesellschaftliche Spannungen. All das setzt auch den Sport und die Athletinnen unter Druck. Wir müssen sicherstellen, dass in diesem Umfeld unsere Werte nicht verwässert werden und die Stimme der Athletinnen nicht verloren geht. Die größte Herausforderung ist es, mit Klarheit und Haltung zu agieren, während sich die Welt um uns herum so schnell verändert.
Wie kann die Athlet*innenkommission sicherstellen, dass die Athlet*innenperspektive bei großen Entscheidungen tatsächlich berücksichtigt wird?
Indem wir früh und verbindlich eingebunden werden. Wir wollen nicht erst reagieren, wenn Entscheidungen schon getroffen sind. Wir wollen mitgestalten. Dazu braucht es klare Prozesse, regelmäßigen Austausch und eine Haltung, die sagt: „Unsere Stimme ist nicht optional – sie ist Voraussetzung.“ Genau dafür stehen wir als Kommission.
Welchen Einfluss hat das EOC auf das IOC?
Der Einfluss ist spürbar, weil Europa im Weltsport traditionell stark ist. Viele Themen, die wir in Europa setzen, haben Signalwirkung – sei es bei Athletenrechten, Nachhaltigkeit oder der Gestaltung großer Events. Wir sind nicht der Entscheidungsträger des IOC, aber wir sind ein wichtiger Impulsgeber und Sparringspartner, der Entwicklungen anstößt und kritisch begleitet.
Was bedeutet Ihnen die Wiederwahl persönlich?
Es bedeutet mir sehr viel. Ich bin jemand, der Verantwortung ernst nimmt. Wenn Athlet*innen mir erneut ihr Vertrauen schenken, dann ist das vor allem ein Auftrag.
Es geht nicht darum, etwas Neues zu beginnen – sondern darum, das Bewährte entschlossen fortzuführen und gemeinsam echte Veränderungen zu erreichen.
Beim Rückblick auf die letzte Legislaturperiode: Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind?
Ich bin stolz darauf, dass wir in Europa die Athletenvertretung sichtbar stärker vernetzt, präsenter und handlungsfähiger gemacht haben. Wir haben Strukturen geschaffen, die auf Zukunft ausgerichtet sind – und ein Fundament, auf dem wir jetzt weiter aufbauen können. In meiner Rede nach der Wiederwahl habe ich gesagt: „Wir haben gelernt, unsere Stimme hörbar zu machen – und Ideen in Handlung zu verwandeln.“ Genau das macht mich stolz.
Was hat Sie ursprünglich motiviert, sich über Ihre aktive Karriere hinaus im Sport zu engagieren?
Der Sport hat mir alles gegeben: Werte, Menschen, Erlebnisse, einen Alltag voller intensiver Momente. Ich habe früh gespürt, dass wir Sportler*innen eine Verantwortung haben – nicht nur für uns, sondern für die Zukunft des Sports. Dieses Verantwortungsgefühl ist mein Antrieb, weiterhin mitzuwirken und etwas zurückzugeben.
Die Kommissionsmitglieder kommen aus verschiedenen Ländern. Wie läuft die Zusammenarbeit ab?
Sehr respektvoll und sehr professionell. Wir arbeiten hybrid – digital im Alltag, persönlich bei großen Events. Durch die Vielfalt der Länder entsteht ein enormer Erfahrungsschatz. Die Perspektiven sind unterschiedlich, aber der gemeinsame Nenner ist klar: das Wohl der Athlet*innen.
Wie erleben Sie sportpolitische oder kulturelle Unterschiede in der Kommissionsarbeit?
Ja, es gibt Unterschiede. Und das ist gut so. Europa lebt von Vielfalt. Manchmal diskutieren wir kontrovers, aber immer auf Augenhöhe. In der Kommission spürt man sehr deutlich, dass wir alle an einem Strang ziehen. Unterschiedliche Hintergründe sind kein Hindernis – sie sind eine Stärke.
Durch Ihre EOC-Vertretung sind Sie auch Mitglied der Athletenkommission des DOSB. Inwiefern können sich die Mitgliedschaften in beiden Gremien gegenseitig befruchten?
Die Verbindung ist ein großer Vorteil. Viele Themen, die wir in Europa bearbeiten – Transition, Werte, Athletenrechte – sind in Deutschland genauso relevant. Ich sehe mich da als eine Art Brücke: Impulse aus Europa kann ich im DOSB einbringen, und umgekehrt können wir deutsche Erfahrungen in die europäische Arbeit einfließen lassen. Am Ende profitieren alle Athlet*innen davon – in Deutschland und in Europa.
Foto: Ronald Rauhe als Host des LSB-Podcast „Hauptsache Sport – Ronald Rauhe trifft ..." – zu hören auf Spotify, Apple Podcast, Deezer und hier.
