Was hat der Mannschaftbus von Hertha BSC mit Teambuilding zu tun? Sehr viel, denn viele Teile müssen gut zusammen funktionieren, damit der Bus von A nach B fahren kann. Er spielt deshalb eine Hauptrolle in dem Spiel „Rollen im Team“: Der Motor treibt an. Das Lenkrad gibt die Richtung vor. Die Bremse stoppt. Die Klimaanlage bläst dicke Luft weg. Im Rückspiegel wird aus Fehlern gelernt. Jugendliche des OSZ Banken, Immobilien und Versicherung sind in die verschiedenen Rollen geschlüpft und haben sie beschrieben – im Rahmen eines Workshops beim Fanprojekt Lernzentrum@HerthaBSC. Sie kommen aus vielen verschiedenen Ländern, absolvieren in Berlin eine Ausbildung und besuchen neben der Schule das Lernzentrum. Jetzt berichten sie bei der 15-Jahr-Feier des Projekts, was sie in dem Workshop mit dem Bus gelernt haben: Alles ist miteinander verbunden und das Verbindende zählt.
Das Lernzentrum@HerthaBSC gehört zum Fanprojekt der Sportjugend Berlin mit dem Landessportbund (LSB) als Träger. In außerschulischen Workshops werden sozial benachteiligte Jugendliche und junge Erwachsene für politische Themen sensibilisiert und ihre sozialen Kompetenzen gestärkt. Schwerpunkte sind Gewaltprävention, Vielfalt, Antidiskriminierung, Geschlechtergerechtigkeit, Inklusion, Fankultur und Fußballgeschichte. Dabei wird die integrative Kraft des Sports und die Nähe zum Stadion genutzt.
Wie das konkret aussieht, erklärt zum Beispiel Medienpädagogin Leska Ruppert: „Schülerinnen und Schüler des OSZ Banken, Immobilien und Versicherung haben überlegt, wie sie ihre Vorstellung von Demokratie in die Social Media-Kanäle hineinrufen können.“ So entstanden Posts zu Themen wie Freiheit, Meinungsfreiheit, Respekt und Gleichheit. In allen Posts ist das Olympiastadion zu sehen. Ein Post zeigt drei junge Frauen: Melikka aus dem Iran, Khurshid und Mawloda aus Afghanistan. Sie stehen dicht nebeneinander im Olympiastadion. Auf ihr Foto haben sie geschrieben: „Gleichheit ist eine Haltung“. Alle drei betonen, wie wertvoll es für sie ist, dass sie in den Workshops neben der Diskussion über das Thema zugleich die Online-Design-Plattform Canva kennengelernt und ihre Deutschkentnisse verbessert haben.
Das Lernzentrum@HerthaBSC geht vor allem auf die Initiative von Birger Schmidt zurück. Er ist inzwischen Geschäftsführer von Lernort Stadion e. V., der Dachorganisation der Lernzentren in Deutschland. Bei der Feierstunde zum 15. Geburtstag des Berliner Projekts betont er, wie wichtig Bildungsarbeit im Sport ist. „Damals war man noch der Meinung, Bildung und Politik hat nichts im Stadion zu suchen.“ Doch „durch seine Beharrlichkeit wurde aus der Idee Wirklichkeit – ein wichtiges Projekt der außerschulischen Bildungsarbeit in Kombination mit einem Profi-Fußballverein“, erklärt Ralf Busch, Leiter des Fanprojekts. Unterstützung kommt von vielen Vereinen und Institutionen, wie Hertha BSC, DFL Stiftung, Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, LSB und Olympiastadion GmbH.
„Es ist wichtig, mit jungen Menschen zu reden und sie für Bildung zu motivieren“, sagt LSB-Präsident Thomas Härtel. „Gerade hier im Olympiapark an einem Ort, wo die Olympischen Spiele 1936 missbraucht wurden, kann man viel lernen und hier wird auch die Motivation zum Lernen gefördert. So ergänzt das Lernzentrum die Schule.“
Projekte wie das Lernzentrum@HerthaBSC „machen „Deutschland schöner“, ist ZDF-Journalist Mitri Sirin vom Beirat Lernort Stadion überzeugt. „Politische Bildung ist kein langweiliges Schulfach, sondern ein Rüstzeug“, so Mitri Sirin. „Hier wird auf Augenhöhe reflektiert. Das leistet keine App, kein Schulfach, keine Talkshow. Ort und Sport als Medium – fantastisch. Fußballstadion – ein Ort, der alle erreicht.“ Deshalb wird die Wirksamkeit der Arbeit im Lernzentrum@HerthaBSC auch dadurch gestärkt, dass die Räume des Olympiastadions genutzt werden und sogar Workshops im Presseraum der Hertha-Profis stattfinden können.
Für Hertha-Präsident Fabian Drescher ist das Lernzentrum „eingebettet in eine Atmosphäre, in der der Sport Brücken baut und junge Menschen erleben, dass Bildung auch Spaß macht. Es zeigt Jugendlichen Perspektive“, sagt er in der Feierstunde. Er dankt ausdrücklich auch Iris Jensen, Projektkoordinatorin von Lernzentrum@HerthaBSC. Allein im Projektjahr 2024 waren in 32 Workshopwochen 680 Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Berliner Bildungseinrichtungen im Lernzentrum zu Gast. Iris Jensen berichtet, wie die Teilnehmenden in den Workshops Wertschätzung und Anerkennung erfahren, ihre Lernkompetenzen stärken und sich persönlich weiterentwickeln. „Wir hören ihnen zu, bei uns haben sie eine Stimme. Sie machen unsere Gesellschaft besser“, so Iris Jensen.
Wie dankbar die Jugendlichen und jungen Erwachsenen dafür sind, drückt Mawloda aus Afghanistan so aus: „Wir lernen Neues, auf neuen Wegen – mit Spielen und in Gruppen. Wir lernen nicht nur neue Wörter, auch Team- und Verantwortungsbewusstsein. Wir freuen uns auf die Workshops.“ A. B.
Foto: NIKITA SCHLEICHER
