Wie Barcelona mit Olympia Weltstadt wurde

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Axel Müller, Council Member des Weltruderverbands FISA World Rowing und Geschäftsführer des Landesruderverbands Berlin, über die Olympischen und Paralympischen Spiele in Barcelona 1992 und wie enorm die ganze Stadt bis heute davon profitiert.

 

Axel Müller, 60, geboren in Hannover, zog als 16-Jähriger mit der Familie in die Heimat der Mutter nach Katalonien – in die Nähe von Barcelona. Er war Leichtgewichtsruderer in der spanischen Nationalmannschaft und studierte ab 1985 in Barcelona Sportwissenschaft. Danach baute er südlich von Barcelona in Amposta als Geschäftsführer ein Multisporttrainingszentrum auf, wurde Trainer in verantwortlichen Positionen – viele Jahre in Spanien, später u. a. in Israel, Belgien und Deutschland.

Wie haben Sie den Moment erlebt, als die Spiele an Barcelona vergeben wurden?

Es war vor 40 Jahren am 17. Oktober 1986 in meinem zweiten Studienjahr. Wir saßen in der Aula Magna der Sporthochschule (INEF) in Barcelona, um die 400 Studenten, und guckten auf die große Leinwand. Gegen 12.30 Uhr kam der berühmte Satz: „À la ville de… Barcelone.“ Da ging die Fete los. In ganz Barcelona. Auf den Straßen wurde gefeiert. Was das für Barcelona bedeuten sollte und für ganz Katalonien, haben wir erst Jahre später gemerkt.

In Barcelona wollten alle die Spiele?

Ja, die Menschen wollten Barcelona zur Welt öffnen. Außer vielleicht ein paar Unabhängigkeitskämpfer in Katalonien. Die Katalanen haben so einen Minderwertigkeitskomplex. Deshalb dachten sie unisono: Wir müssen der Welt zeigen, dass wir das können.

Welche Rolle spielte der Sport zu dieser Zeit in Barcelona?

Eine Rolle wie in einem Entwicklungsland – abgesehen vom Fußball Club Barcelona. Alles andere war nebensächlich. Es gab kaum Sportlehrer. Die Sporthochschule (INEF) war gerade erst zehn Jahre alt. Obwohl Barcelona allgemein eine sportliche Stadt war. Es gab historische Vereine, zum Beispiel für Wasserball, Hockey, Polo, Tennis, Segeln, Rudern. Der Real Club Maritimo entsandte die ersten spanischen Ruderer 1900 zu den Olympischen Spielen in Paris und organisierte 1922 die XXIV. Europameisterschaften. Barcelona war sportaffin, aber Sport genoss in den 80ern kein großes Ansehen. Man muss sich vorstellen: Das Ende des Franco-Regimes war erst elf Jahre her. Es war die Zeit der spanischen Transición und des industriellen Umbaus (1976-1986). Die Menschen kämpften sich durch, suchten Arbeit. Da war Sport nicht das Wichtigste.

Wie hat sich die Situation durch die Vergabe der Spiele geändert?

Total. Bis dahin war man, wenn man Sport getrieben hat – außer Fußball, ein grüner Hund. So bezeichnet man im Katalanischen etwas Komisches, absolut Seltenes. Aber dann stieg auf einmal das Interesse am Sport unheimlich. Die Regierung wollte, dass Medaillen für Spanien gewonnen werden. Es wurde viel in den Sport investiert – in den Schulsport, in die lokalen Sportvereine, in regionale Trainingszentren, in Trainer – es kamen viele Trainer aus dem Ausland – und in die Trainerausbildung, mein Studium ist ein Beispiel dafür.

Und in Sportstätten?

Ja, sehr viel. Montjuïc, der Hausberg, war bis dahin für die Barcelonesen ein negativer Begriff. Dort oben waren eine Festung und ein Friedhof, von dort aus war die Stadt bombardiert worden.

Das Areal auf dem Berg wurde zu einem großen Sportzentrum ausgebaut – mit dem renovierten Olympiastadion, mit einem großen Sporthallenkomplex, einem Schwimmbad mit Außen- und Innenbecken. Die Sporthochschule bekam dort ihren Sitz.  

Aber auch in der ganzen Stadt wurden Sportstätten gebaut und alte saniert. Es wurde so viel gemacht. Mit den besten Architekten.

Machen die Barcelonesen seitdem auch selbst mehr Sport?

Studien belegen, dass in den Jahren ab 1990 die Zahl der Menchen in Barcelona, die regelmäßig einer physischen Aktivität nachgehen, um 33,4 Prozent gestiegen ist. Mittlerweile sind es 72 Prozent. Mehr als 50 Prozent aller spanischen Olympiamedaillengewinnerinnen und -gewinner kommen aus Katalonien.

Wie war die Situation im Rudersport?

Das Ruderzentrum in Banyoles/Katalonien war schon damals ein bedeutendes Trainingszentrum und ist es heute noch. Boote aus Banyoles kamen bei den Olympischen Spielen in den 1980er Jahren bis ins Finale. 1984 gab es sogar eine Silbermedaille. Aber jetzt wurde noch mehr in den Rudersport investiert. Wir konnten viel öfter an internationalen Regatten teilnehmen und internationale Wettkampferfahrung sammeln. Das hat die katalonische Regierung bezahlt. Wir konnten öfter trainieren, weil es professionelle Trainer und die Infrastruktur gab.

Hat sich das bei den Heimspielen 1992 ausgezahlt?

Leider nicht. Nur ein Boot war im Finale. Der spanische Ruderverband hatte für die Olympiavorbereitung einen Trainer aus dem Ausland verpflichtet, der den Erwartungen nicht gerecht wurde. Und noch etwas: Wir Ruderer wollten, dass die Ruder- und Kanuwettkämpfe auch in Barcelona, in Castelldefels stattfinden. Kurze Wege zum Flughafen, keine 20 Minuten mit der S-Bahn ins Zentrum. Was das für den Rudersport in Katalonien für die Zukunft gebracht hätte! Die Regattastrecke wurde auch geplant. Aber gebaut wurde nur ein 1.000-Meter-Kanal. Für Kanu geeignet, für Rudern nicht. Wir brauchten 2.000 Meter. Rudern fand dann in Banyoles statt – aus finanziellen und politischen Gründen. Dort gab es eine Regattastrecke – in privater Hand, in einer anderen Provinz, 120 Kilometer entfernt von Barcelona.

Wie hat sich die Stadt Barcelona durch die Spiele verändert?

Katalonien mit Barcelona wollte der Welt zeigen, dass es kein Dritte-Welt-Land ist. Die Stadt öffnete sich dem Meer. Die Barcelonesen sind vorher nicht an den Strand gegangen – die Strände, die es heute gibt, gab es früher nicht. Das waren Müllhalden. Man fuhr von Frankreich aus mit dem Zug in Richtung Barcelona an einer großen Mauer vorbei. Dahinter lag Müll. Man sah das Meer gar nicht. Es war eine heruntergekommene Landschaft. Jetzt wurde aufgeräumt und das Olympische Dorf errichtet.

 „Barcelona, posa't guapa, Barcelona, mach dich hübsch" war das Motto im Vorfeld der Spiele 1992. Die Kampagne verwandelte die Stadt grundlegend. Die Häuserfassaden – schwarz von den Autoabgasen – wurden innerhalb von zwei Jahren gereinigt. Neue Hotels entstanden. Der Flughafen bekam in neues Terminal. Die Taxifahrer lernten Englisch. Die Stadt, so wie sie heute ist, gäbe es ohne die Spiele nicht oder erst viel, viel, viel später.

Wie wurde das alles finanziert?

Sehr viel Geld kam von der katalonischen und von der spanischen Regierung. Maximal 15 Prozent wurden für die eigentliche Organisation der Spiele ausgegeben. Das meiste, 85 Prozent, für die Infrastruktur mit den Sportstätten und für die Sportförderung. Vorbild war der Goldene Plan in Deutschland, der auch für die Olympischen Spiele in München 1972 galt und prägend war für die Stadtentwicklung und die Infrastruktur.

Wie hat sich Barcelona seit den Spielen entwickelt?

Die Stadt ist international geworden. Der Tourismus ist um über 400 Prozent gewachsen. Viel mehr als in London, Paris, New York und Amsterdam. Wir dachten damals: Warum werden so viele Hotels gebaut, die stehen doch nach den Spielen leer, so viele Menschen kommen nicht nach Barcelona, was wollen sie hier. Das Gegenteil geschah und es wurden nach den Spielen noch mehr Hotels gebaut.

Was passierte mit den Sportstätten?

Es wurde schon in der Bauphase daran gedacht, wie sie nach den Spielen weitergenutzt werden können, dass sie nicht irgendwo in der Landschaft stehen, sondern dort, wo die Menschen wohnen und ihren Sport treiben können.

Ein großes Thema von Anfang an war das Management, um die Hallen mit Kultur- und Sportveranstaltungen so gut wie möglich auszulasten. Sie sollten nicht leer stehen. Also wurden sie auch für den Schul- und Vereinssport und den Freizeitsport geöffnet – von morgens um sieben bis abends um 22 Uhr.

Wie hat sich das auf die Lebensqualität der Einwohner*innen ausgewirkt?

Unheimlich positiv. Sie hatten auf einmal ein Schwimmbad oder eine Sportanlage um die Ecke, was sie früher nicht hatten. Einige Schwimmbäder bekamen eine Sauna, Sportstätten ein Restaurant. Das hat auch einen sozialen Effekt. Die Menschen können sich dort treffen und zusammen sein.

Wie haben Sie die Olympischen Spiele selbst erlebt?

Genau 1991/92 musste ich meinen Militärdienst leisten. Ich war aber in Barcelona stationiert und an den freien Tagen in der Stadt unterwegs. Die Ramblas waren voll mit Sportlern. Die Stimmung was unfassbar großartig.

Haben andere Städte in Spanien neidisch auf Barcelona geschaut?

Ein bisschen schon. Aber das hat sich relativiert. 1992 war das Jahr Spaniens. Madrid war Kulturhauptstadt Europas. In Sevilla fand die Expo statt. Und es wurde 500 Jahre Entdeckung Amerikas gefeiert. 

Sehen Sie Parallelen zur Bewerbung Berlins um Olympische und Paralympische Spiele?

Auch Barcelona hat sich oft um die Spiele beworben. Beim fünften Mal hat es endlich geklappt. Deshalb gab es schon ein Olympiastadion, denn Spanien wollte 1936 die Olimpiada Popular ausrichten – aus Protest gegen die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. 6000 Athleten aus 22 Nationen waren gemeldet und viele von ihnen auch schon angereist. Aber einen Tag vorher brach der Bürgerkrieg aus. Viele Athleten sind in Spanien geblieben und haben im Bürgerkrieg gegen die faschistischen Truppen gekämpft.

Was würden Sie Menschen sagen, die der Berliner Bewerbung skeptisch gegenüberstehen, z. B. aus Kostengründen?

Es ist kein verschwendetes Geld. Es bringt Arbeitsplätze und Investitionen in die Infrastruktur und in die Sportstätten, die die Bürger nach den Spielen nutzen können. Das haben wir in Barcelona gesehen. Wir haben gesehen, wie sich die Stadt modernisiert hat, wie sie durch die Paralympischen Spiele behindertengerecht wurde. Die Metro-Stationen wurden barrierefrei gemacht.

Die Menschen fingen an, selbst mehr Sport zu treiben – die Bevölkerung ist dadurch gesünder geworden. In allen spanischen Restaurants gilt heute das Rauchverbot – das fing damals an.

Die Vereinigung der Voluntaris, die damals wesentlich zum Erfolg der Spiele beigetragen haben, gibt es heute noch und genießt hohes Ansehen. Sie wird bei Sport- und anderen Veranstaltungen angefragt. Da melden sich schon die Kinder der Volunteers von damals.

Können Olympische und Paralympische Spiele heute auch noch diese großartige Wirkung haben?

Ja, absolut. Wenn man es richtig, ohne Hemmungen und wirklich zu einem Lebensprojekt macht, wie damals Pasqual Maragall, der Bürgermeister von Barcelona, und sein Vorgänger Narcis Serra. Sie wollten ein Projekt, um Barcelona umzuwandeln, ein globales Projekt – nach dem Motto: „Was gut ist für Barcelona, ist gut für Katalonien, ist gut für Spanien“. Darin war man sich überparteilich einig. Bis in die spanische Regierung, die auch hätte sagen können: Katalonien interessiert uns nicht.

Was war Ihr persönlich bewegendster Moment bei den Spielen?

Die Eröffnungsfeier – ich habe sie im Fernsehen gesehen. Und während der Spiele durch Barcelona zu schlendern – das war einmalig. Die internationale Jugend war zu Gast. Sie war bunt gekleidet. Man sah gleich, wo jeder herkam. Sehr beliebt waren die Pins zum Anstecken, die überall auf den Straßen getauscht wurden. Mit den Athleten aus meinem Sportinternat habe ich ganz besonders mitgefiebert – ich kannte ja viele von ihnen persönlich. Es war ein unfassbarer Sommer, einfach traumhaft. 

Interview: Angela Baufeld