Matthias Schmidt ist ein Ruderer wie viele andere. Er trainiert beim Berliner Ruder-Club Welle-Poseidon am Großen Wannsee. Dort trifft er sich mit seiner Trainingsgruppe immer mittwochs und sonnabends. Gemeinsam legen sie fest, wer in welchem Boot an welcher Position sitzt. Gemeinsam lassen sie die Boote ins Wasser. Gemeinsam geht’s los. Die Gemeinsamkeit ist wichtig für Matthias Schmidt. Denn er ist nahezu blind. Als er zehn Jahre alt war und immer schlechter sehen konnte, wurde eine Augenerkrankung festgestellt, die nicht heilbar war. „Das war heftig, so eine Diagnose gestellt zu bekommen“, sagt der heute 46-Jährige.
Er ließ sich nicht unterkriegen. Er machte seinen Schulabschluss, studierte BWL, arbeitet heute bei der Zukunft-Umwelt-Gesellschaft (ZUG) – und kämpfte sich im Leistungssport bis nach oben.
In der Schulmannschaft hatte er zunächst Volleyball gespielt. Er kam bis zur Bezirksmeisterschaft. Bis er den Ball kaum noch sehen konnte. An der Schule für Sehbeeinträchtigte trainierte er zwei Jahre Judo. Nach einem weiteren Schulwechsel folgte Leichtathletik mit den Sprint-Disziplinen. „Irgendwann haben die Trainer gesagt: Probier es mal mit Goalball. Ein Ball mit Glöckchen – das gefiel mir erst nicht. Aber ich habe mich dann doch breitschlagen lassen“, erzählt er von seinen Anfängen in der Sportart, die er dann parallel zur Leichtathletik trainierte. Nach kurzer Zeit konzentrierte er sich nur noch auf den Mannschaftssport. „Mehr Wettkämpfe und mehr Erfolge als in der Leichtathletik, mehr Turniere, viele Reisen. Das war cool und ein großer Anreiz“, erinnert er sich. Sein Team steigerte sich immer weiter: Silber bei den Deutschen Meisterschaften 1997, dann sechsmal Gold hintereinander, EM-Bronze 2001 und drei Paralympics-Teilnahmen – 2000, 2004 und 2008.
„Die Paralympics 2000 in Sydney werde ich nie vergessen“, sagt er, „die Begeisterung der Australier für den Behindertensport und 4000 Leute in der Halle zu spüren – das ist eine Bühne, die man sonst nicht hat. Bei nationalen Events kommen höchstens Familie und Freunde.“ Mit Platz 7 kehrte er aus Sydney zurück. Nach Platz 11 vier Jahre später bei den Paralympics in Athen wechselte er zurück zur Leichtathletik.
„Ich gab nochmal Vollgas, wollte wissen, was geht noch, habe täglich trainiert, oft zweimal am Tag.“ Er schaffte es 2006 in die Nationalmannschaft, holte WM-Bronze mit der 4x100-Meter Staffel, startete mit der Staffel und über 400 Meter bei den Paralympics 2008 in Peking. „Die Stimmung im Stadion war unfassbar, es war so laut, dass ich meinen Lauf-Partner nicht verstanden habe. Es war ein Super-Event – auch wenn ich nicht bis ins Finale gekommen bin.“
Danach beendete er seine Leistungssportkarriere. Er spielte weiter Goalball in der Bundesliga und gab auch das Laufen nicht auf. Seine Freundin überredete ihn dann vor vier Jahren zum Rudern. „Ich konnte mir das nicht vorstellen. Rudern in den schmalen Booten – ich hatte ein bisschen Angst“, gibt er zu. Seine Freundin blieb hartnäckig, nahm ihn mit zum Berliner Ruder-Club Welle-Poseidon. „Ich stieß auf große Offenheit“, sagt er, „komm mal zum Kasten-Rudern, wurde mir gesagt, da kann man sich an die Ruderbewegung gewöhnen, ohne dass das Boot wackelt. Das habe ich dreimal gemacht. Dann sollte ich es auf dem Wasser probieren. Das hat mir Spaß gemacht, ich war gleich infiziert.“ Inzwischen ist er bei Wanderfahrten und längere Bootstouren dabei, war schon 250 Kilometer auf der Donau unterwegs, ist im letzten Jahr mehr als 2.000 Kilometer gerudert.
Er kann wegen der Sehbeeinträchtigung kein Steuermann sein, aber bei allen anderen Prozessen an Land und auf dem Wasser ist er voll in die Gruppe integriert. „Wenn ich eine Frage oder ein Problem habe, gehe ich auf die Leute zu – sie können ja nicht erraten, dass ich Hilfe brauche.“ Offen aufeinander zugehen, dabei nicht verkrampfen, Hemmnisse abbauen – das ist sein Rezept für erfolgreiche Inklusion. „Ja, Inklusion kostet manchmal ein bisschen Zeit. Ich kann mir die Bewegungen nicht abgucken. Man muss sie mir erklären, ich muss sie fühlen. Dafür muss der Verein offen sein und sich die Zeit nehmen.“ So wie zum Beispiel Frank Markus. Der erfahrene Trainer hat mit ihm Rudern im Einer trainiert, „was ich mir erst überhaupt nicht vorstellen konnte“.
Matthias Schmidt versucht dem Verein auch etwas zurückzugeben. Er organisiert zum Beispiel Wander- und Sonderfahrten. Auf Initiative des langjährigen Vereinsvorsitzenden Detlef Heinrich hat er gemeinsam mit ihm am Zertifikats-Lehrgang „Inklusion“ teilgenommen, um zu hören, wie Barrieren abgebaut werden und noch mehr Inklusion im Verein möglich ist. „Miteinander kommt man immer weiter“, sagt er. „Aber das Wichtigste ist“, so seine feste Überzeugung, „sichtbar zu machen, was schon möglich ist.“ Dafür sind Matthias Schmidt und der Berliner Ruder-Club Welle-Poseidon die besten Beispiele.
Angela Baufeld
